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„Wir leben nicht, um zu glauben, sondern um zu lernen.“ (Dalai Lama)

„Jetzt sind die Hunde schon wieder ausgebüxt in der Nacht!“, höre ich Patrick von draussen rufen. Wir sind soeben aus dem Bett gekrochen und auf dem Weg, unser Frühstück in der grossen Küche des Weinguts zuzubreiten. Seit wenigen Tagen arbeiten wir in Kachetien - Georgiens Weinregion - für Giorgi, der biodynamische Weine produziert. Nebst dem wunderschönen Garten samt Gästehaus, den weitläufigen Rebbergen und dem Marani - der Ort, an welchem die Trauben nach traditioneller georgischer Art zu Wein verarbeitet werden - gehören auch sechs Hunde zum Anwesen. Was tagsüber ein friedlicher, in der Sonne dösender Haufen aus vier georgischen Sennenhunden, einem belgischen Schäfer und einem kleinen Streuner ist, wird jeden Abend zu einer wilden Meute: sie hält die traubenliebenden Schakale von den Reben fern. Doch nicht nur Schakale lehren die Hunde das Fürchten. Als Giorgi und Xenia wenige Monate zuvor einen Babyesel und zwölf Ferkel auf dem Gut hielten, rotteten sich die Hunde eines Nachts zusammen und rissen das Eselchen. Den Ferkeln erging es nicht besser: acht wurden von Asta, dem belgischen Schäfer, aufgefressen. Wir sind ein wenig fassungslos, als uns Xenia davon erzählt. „Hier auf dem Land hat Leben wohl einen anderen Wert“, versuche ich mich zu beruhigen. Nichtsdestotrotz werde ich nur wenig später feststellen müssen, dass diese Annahme für mich selbst so ganz und gar nicht stimmt.


Als ich nämlich am Abend unserer Ankunft leicht beschwipst die Toilette aufsuchte, landete ich stattdessen in der Wäscheküche. Mein Herz machte einen Satz, als ich sie sah: ein weisses und ein rotes Katzenbaby, die mich mit grossen Augen anstarrten. Es ist Liebe auf den ersten Blick; von nun an sind die beiden Büsis, Patrick und ich unzertrennlich. Wir füttern sie, spielen mit ihnen und manchmal lassen wir sie - aller Milben zum Trotz - in unserem Bett schlafen. Kaum sind wir mit der Arbeit fertig, kommen sie miauend und schnurrend angehoppelt. Dann wird gekuschelt.

Eine Woche später, an einem Sonntag, trete ich aus unserem Häuschen ins Freie und blinzle in die Sonne. Im Gras vor mir liegt seltsam verrenkt das weisse Katzenbaby. Als ich mich hinunterbücke, schaue ich in leblose Augen und erstarre: ganz offensichtlich ist Asta auch in dieser Nacht ausgerissen. Meine Gedanken überschlagen sich. Ich rufe Patrick, ich rufe Irakli, den Pächter des Gästehauses und ich rufe dem roten Katzenbaby. Patrick nimmt sich Asta an, die im Garten liegt und sich keiner Schuld bewusst ist. Irakli schimpft auf Asta, packt eine Schaufel und im Nu ist ein kleines Grab ausgehoben. Ich suche verzweifelt den kleinen roten Kater und ahne Schlimmes. Als er um die Ecke gehoppelt kommt, fällt uns allen ein Stein vom Herzen. Von nun an fühlen wir uns berufen, das Kätzchen um jeden Preis zu beschützen. Diese schicksalshafte Nacht hat uns aneinandergekettet. Patrick und ich wachsen über uns selbst hinaus: wir beide - die Unabhängigen, die Freiheitsliebenden - lernen, Verantwortung für ein Lebenwesen zu übernehmen.



2023 war für mich - mehr denn je - ein Jahr des Lernens. Als wir im Januar unseren Schlafsack auf dem schmutzigen Teppich einer winzigen Wohnung in Kolkata ausbreiteten, ahnte ich, dass ein neues Kapitel seinen Anfang genommen hatte. Hatten wir die Monate zuvor im schönen, aber touristisch sehr erschlossenen Südostasien verbracht, tauchten wir in Indien in eine uns fremde Welt ein: Ich durfte lernen, dass es möglich ist, auf Bodentoiletten ohne Abtrennungswände sein Geschäft zu verrichten. Dass man das köstlichste Lassi geniessen kann, während Trauerzüge ihre Verstorbenen im Minutentakt an einem vorbeitragen. Ich lernte, dass es nicht unhöflich sein muss, pausenlos angestarrt oder angefasst zu werden. Oh, und nackte Fakire mit wilden Bärten, wunderschöne Prinzen mit mächtigen Turbanen - Gestalten aus meinen Kindheitsphantasien - sie alle gibt es tatsächlich! Indien war überwältigend. Denn Indien ist alles: alle Klischees, nur um sie in die Luft zu werfen, auf dem Boden zerschellen zu lassen und einem das Gegenteil zu beweisen. Bei einem hinduistischen Priestersohn durften wir in die Welt der Yogis eintauchen, indem er uns Asanas und Veden näherbrachte. Mehr noch als durch die physischen und mentalen Übungen war ich von seiner dogmatischen Lehrweise herausgefordert: Ich übte, von einem religiösen Menschen zu lernen - ohne das Kinde mit dem Bade auszuschütten. Und je beweglicher und stärker ich wurde, desto mehr gelang es mir, einen Umgang mit dem Guru zu finden.

Pakistan lehrte uns, Geduld zu üben. Plötzlich waren wir mit der - für Westeuropäer - absurden Tatsache konfrontiert, für gewisse Länder kein Visum zu bekommen. Wieder und wieder stellten wir unsere Reiseroute um und verbrachten Tage des Recherchierens, auf Botschaften und Ministerien. Wir lernten, flexibel zu sein, Ideen und Wünsche aufzugeben, Alternativen zu finden und zu vertrauen, das am Ende doch alles gut kommt.

Was in Pakistan seinen Anfang nahm, trieb der Iran auf die Spitze: ich durfte lernen, Gastfreundschaft anzunehmen. Anfangs fiel es mir schwer, Einladungen zum Essen oder Übernachten anzunehmen oder mir Dinge wie Früchte, Souvenirs, Schokolade, aber selbst Schmuck, Parfüm oder Geld schenken zu lassen. Der Iran lehrte mich zweierlei: einerseits ist Widerstand zwecklos. Andererseits ist unsere Anwesenheit und unser Erzählen für viele Menschen ebenfalls ein Geschenk; weil wir somit ein kleines Bisschen der fernen Welt in ihre Wohnzimmer bringen. Eine Welt, die ihnen - ihrer Nationalität oder fehlender finanzieller Ressourcen wegen - ansonsten oft verschlossen bleibt. Dank Autostopp lernten wir ausserdem eine neue Art des Reisens kennen, die es uns ermöglichen sollte, noch tiefer in den Alltag der Menschen zu blicken.

Armenien lehrte mich, wie wunderschön Kirchen sein können. Und Georgien führte uns in die Kunst der Weinproduktion ein. Einen Monat lang durften wir mithelfen, Trauben zu pressen, die Maische in den riesigen Qvevris zu rühren, eine Degustationsterrasse zu bauen, Gäste zu verköstigen, die Weinberge und den wunderschönen Garten zu pflegen. Als wir die Grenze zur Türkei überqueren, sind wir ein wenig verloren. Tagelang diskutieren wir unsere Weiterreise. Wir schlendern durch die schönsten Bazars, wandern durch Kapadokien und Lykien, bestaunen griechische Ruinen und kosten die besten Oliven. Doch etwas fehlt. Der kleine rote Kater hat ein Loch in unser Herz gerissen.

Dies ist der Grund, weshalb wir - während ich diese Zeilen schreibe - für 27 Stunden im Bus zurück nach Kachetien sitzen: wir werden an Weihnachten Eltern. Büsi-Eltern.


Uns allen wünsche ich für die kommenden Weihnachtstage ein weiches Herz. Möge unser neues Jahr voller Gelegenheiten des Lernens sein, die uns über uns hinauswachsen lassen. Oder in Dalai Lamas Worten (dem wir im Frühjahr lauschen durften): „Wir leben nicht, um zu glauben, sondern um zu lernen.“



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