Patrick

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Tagebucheintrag vom 20.01.2019 auf dem Weg von Bobo-Dioulasso nach Ouagadougou:

In einem klimatisierten, noblen Reisecar läuft ein asiatischer Film auf französisch, die Fenster sind mit schwarzen Vorhängen verdeckt. Es ist kühl, die Stühle sind bequem. Ich träume von Zuhause, von Familie und Freunden. Noch vier Tage und eine Woche bis ich zurück bin, denke ich...

Etwas uninteressiert folge ich dem Film im Fernseher und schiebe den Vorhang gedankenversunken zur Seite. Ich sehe Leute beim Arbeiten. Wie sie an den mit Wasser gefüllten Geländevertiefungen Lehm kratzen, daraus Bausteine formen, diese mit Eseln transportieren. Leute, die im Schatten der Bäume liegen, sich ausruhen. Lehmhütten mit Innenhöfen. Aufgehängte Kleider, herumstehende Eimer und Motorräder - Bilder, wie es sie wahrscheindlich an keinem anderen Ort auf der Welt gibt.

Mir ist unwohl. Obwohl ich mittendrin bin, fühlt sich die Entfernung zu den Leuten und der Landschaft ähnlich weit an, wie die zur Geschichte, welche über den Busfernseher flimmert. Ich bekomme das Geschehen mit, doch es beeindruckt mich wenig.

Ich reise, damit ich das Leben Anderer kennenlerne. Dass es mich inspiriert und meinen Horizont erweitert. Ich möchte Sonne, Regen, Hitze und Kälte trotzen, barfuss über Sand, Rasen und Asphalt gehen, verschiedene Sprachen hören, reden, auch wenn ich sie nicht verstehe. Jeden Meter, jeden Augenblick mit allen Sinnen aufnehmen und spüren, wie gross,

wie vielseitig diese Welt ist.

Mirjam

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Markus Werner war meine erste grosse Liebe. Ihn lernte ich als pubertierende Zahnspangenträgerin, die Ska hörte und die ersten Schritte ins Nachtleben wagte, kennen. Vorgestellt wurde er mir von meinem Deutschlehrer. Dieser legte der Klasse «Die kalte Schulter» auf den Tisch. Misstrauisch begann ich zu lesen. Ein Buch eines Autors, der aus derselben Kleinstadt kommt wie ich; für mich klang es nach Langeweile. Wenige Seiten später wandelte sich mein Misstrauen jedoch in Interesse. Und dann verliebte ich mich.

Werner verdanke ich, dass es in Ordnung ist, ein Geschäft Hals über Kopf zu verlassen, ohne etwas gekauft zu haben, weil mich das Überangebot erschlägt. Ihm kommt es zu, dass ich im Reinen mit mir bin, von Zeit zu Zeit Misanthrop zu sein. Dank Werner finde ich mich nicht länger wunderlich, wenn ich vor Freude über ein gefundenes Schneckenhaus im Wald weinen muss. Oder den Tod als Lebensbegleiter sehe.

Werner lehrte mich, Gesellschaften, die nach der Peitsche verlangen, zu fürchten. Und obwohl seine Protagonisten mehr Antihelden denn Revolutionären ähneln, trotzen sie subtil jeglicher Einschränkung persönlicher Freiheit. Das Elementarste aber, das er mir beibrachte: Männer, die so leben, wie sie pinkeln – sicher, scharf und entschieden – nicht zu beneiden. Die jetzige Krise, die Werner selbst nicht mehr miterleben muss, zeigt warum: Sicherheit ist das Kennzeichen des Tölpels.

Quelle: Bollinger Mirjam: Persönlich. In: bz - Zeitung für die Region Basel, 31.03.2020, S. 6.