"Wie gut", sagte der kleine Tiger, "wenn man einen Freund hat, der ein Floss bauen kann…

…Dann braucht man sich vor nichts zu fürchten."

(Aus: Janosch: Oh, wie schön ist Panama)


Gesponsert von Höli, der weiss, was es heisst ein Mini-Zuhause zu kaufen und es nach eigenen Wünschen umzubauen.


Wir hatten unseren Minivan seit sechs Tagen und ich wünschte ihn mir zum Mond. Die halbe Nacht war ich wachgelegen. Die unglaubliche Hitze der panamaischen Pazifikküste raubte uns seit zwei Tagen den Schlaf; in dieser Nacht wurde ich zudem von Insekten heimgesucht. Mir schien, dass sie keine Ecke meines Körpers unversehrt liessen. „Ich habe keine Kraft mehr“, heulte ich, „wir haben ein solches Chaos im Auto, alles ist dreckig und unbequem!“ Ich vergass - wie so oft in Momenten wie diesen - welch schöne Tage wir hinter uns hatten. Kaum waren wir in Panama angekommen, wurde mein Traum vom eigenen Minivan wahr. In El Valle de Anton, einem kleinen Dorf im Hochland, trafen wir Guillermo und Juan aus Argentinien. Vater und Sohn waren mit ihrem Chevrolet Venture von Kanada nach Panama gereist; der Pandemie wegen steckten sie immer wieder fest und hatten nach zwei Jahren genug. Ihr Auto stand also zum Verkauf. Wir überlegten nicht lange. Die folgenden Tage wurden wir in die mittelamerikanische Bürokratie, ihre Ecken und Kanten - vor allem aber in ihre rechtlichen Graubereiche eingeführt. Guillermo verlängerte für uns das Visum des Autos in Panama City, vereinbarte einen Notariatstermin und flickte da und dort eine Kleinigkeit am Minivan. Wir überbrückten das Warten mit Velofahrten zu schönen Wasserfällen, liessen uns tropfnass regnen, wanderten mit unserem neuen baskischen Freund Gontzal durch die Hügel und streichelten Hundewelpen. Patrick joggte durchs Umland; ich tobte mich in der Küche mit Pizza, Lasagne, Focaccia, Dal und Streuselkuchen aus. An verregneten Nachmittagen telefonierten wir mit Schweizer Freunden, zeichneten und schrieben oder spielten Billard. Die Abende verbrachten wir mit anderen Reisenden beim gemeinsamen Kochen, am Lagerfeuer oder beim Kreieren von Drinks mit Seco Herrerano, dem panamaischen Zuckerrohrschnaps. Am sechsten Tag in El Valle de Anton hatten wir unseren vom Notar abgesegneten Kaufvertrag (der Kauf eines ausländischen Autos wird in Mittelamerika mittels Compraventa/Poder geregelt, wobei der offizielle Fahrzeugbesitzer nicht wechselt). Patrick und Guillermo fuhren in die Hügel, um das Auto zu testen, während Juan mir zum wiederholten Mal erklärte, weder Benzin- noch Wassertank niemals unter einen Viertel fallen zu lassen. Mit Stolz präsentierte er die komplette Campingausrüstung und betonte stets, dass es uns an nichts fehlen sollte auf unserer zukünftigen Reise. Wir befreiten unser Zelt und unsere Rucksäcke von einer Schicht Schimmel, die sich im feuchtwarmen Klima gebildet hatte und waren froh, von nun an ein trockenes Zuhause auf vier Rädern zu haben. Lachend überreichten wir Guillermo einen Rucksack voller Banknoten und fühlten uns dabei wie Narcos nach einem erfolgreichen Geschäft.

Die erste Nacht unterwegs verbrachten wir am Strand; der panamaischen Gastfreundschaft wegen nicht wie geplant im Auto, sondern im Gästezimmer eines alten Ehepaars, das uns einlud. In ihrem Garten stiessen wir mit Weisswein auf unseren Autokauf an, am Morgen durften wir in der Küche Kaffee und Rührei kochen. Am nächsten Tag trafen wir Gontzal, der für die nächsten zwei Wochen mit uns reisen sollte. Am Playa Venao verbrachten wir zwei Tage mit Surfen; Gontzal wurde in die vegetarische Kochkunst eingeführt und lernte Bändeli zu knüpfen. Zusammen schauten wir in sternenklare Nächte und versuchten, uns die Sternbilder zu merken.


Aber all die Momente des Glücks waren am eben beschriebenen Morgen wie weggefegt. Während ich wütend begann, die am Vortag gekauften Plastikboxen einzuräumen, stand Patrick hilflos und ebenfalls übernächtigt neben mir. Mit Sicherheit wäre ein Streit unausweichlich gewesen, hätte da nicht plötzlich Jorge vor uns gestanden. Am Abend zuvor hatten wir Schwierigkeiten, einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Nachdem wir Gontzal in seinem Hostel abgeladen hatten, fuhren wir die Strassen des kleinen Orts Santa Catalina erfolglos auf und ab. Schliesslich parkten wir auf dem Vorplatz einer Handvoll kleiner Häuser und kriegten die Erlaubnis der Anwohner für eine Nacht zu bleiben. Was wir damals noch nicht wussten: das Grundstück gehört Jorge, der eine winzige Tauchschule und ein Herz so gross wie der Panamakanal besitzt. Jorge hörte sich unsere Sorgen an: die vielen Insektenstiche, unser Ordnungsproblem und unser Plan eine Bettkonstruktion plus Stauraum zu basteln. Mehr noch: Er stellte uns die Räume seiner Tauchschule zur Verfügung. Da konnten wir unser Gepäck zwischenlagern, da konnten wir basteln, unser Nachtlager aufschlagen und kochen. Als wir am Nachmittag in den grösseren Nachbarort fuhren, war der morgendliche Kummer vergessen. Wir hatten viel zu tun. Während Patrick bei einer Ferreteria eine geschenkte Europalette zu einem Bett umbaute, fuhren Gontzal und ich zur nächsten Autowaschstelle. Unser Minivan wurde aussen und innen auf Hochglanz poliert. In jede Ritze sprühten wir Insektenkiller, bis sich nichts mehr rührte. Und als wir am Abend nach Santa Catalina zurückkehrten, sangen wir lauthals zu Red Hot Chili Peppers - dank dem neuen FM-Transmitter.

Am nächsten Tag nahm uns Jorge mit ans Riff. Mit dem Motorboot flitzten wir durch Regen und Sturm übers Meer. Ein riesiges Tau, wohl ein verloren gegangenes Fischernetzteil, wurde von den Männern aus dem Meer gezogen. Mit vereinten Kräften zerrten auch Patrick und Gontzal, bis das Kunststofftau im Boot lag. Muscheln und Krebse purzelten mit an Bord; unwillkürlich zog ich die Füsse hoch, um nicht gezwickt zu werden. In der Nähe einer kleinen Insel sprangen wir ins Wasser und bestaunten das bunte Riff mit seinen Bewohnern. Im Verlauf des Tages führte uns Jorge zu den schönsten Plätzchen. Mit Riesenschildkröten und Riffhaien schwammen wir um die Wette, beobachteten leuchtende Papageienfische, Stachelrochen, Wasserschlangen und Langusten. An traumhaft verlassenen Inselstränden tummelten sich Affen und Krokodile und wir lachten über das Versteckspiel von tausenden von Einsiedlerkrebsen. Auf dem Rückweg zogen wir kein treibendes Tau, aber die Insassen eines Boots mit Motorproblemen an Bord. Rappelvoll erreichte das Boot die Küste. Am Abend besuchte uns ein baskisches Pärchen auf ein Bier und wir kochten für Jorge, wie am Abend zuvor.

Der nächste Morgen begann früh, weil wir unsere Bettkonstruktion fertigstellen, das Auto sinnvoll einräumen und weiterreisen wollten. Kaum waren wir wach, stand Jorge mit einer Schleifmaschine bereit. Am Mittag trug ich die zweite Schicht Klarlack auf die Paletten und während wir bei Jorges Schwester zu Mittag assen, trocknete unser Bett in der Sonne. Zufrieden hievten wir die Konstruktion wenig später ins Auto, überglücklich räumte ich den neugewonnenen Stauraum ein. Als wir Jorge in die Arme schlossen - immer noch überwältigt von so viel Wärme und Grosszügigkeit - streckte er uns eine kleine Fächerkoralle entgegen. Ich platzierte sie auf der Ablage unter dem Mittelspiegel im Auto. Da sollte sie mich stets daran erinnern, dass der kleine Tiger Recht hatte: Am Ende hatten wir nicht nur einen Freund, der mit uns ein Bett baute, sondern sein eigenes sogar teilte.




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