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…und ich dachte, ich weiss, was Karaoke bedeutet

Unser Monat in Vietnam neigt sich bereits dem Ende zu, als wir mit Pascal, einem Freund aus der Schweiz, in einer Brauerei in Ho-Chi-Minh-Stadt sitzen und uns durch die aussergewöhliche Bierkarte probieren. Wir haben viel zu plaudern. Als unser Gespräch schliesslich auf unsere jeweiligen Reisen durch Vietnam fällt, müssen wir lachen: Wir alle haben eine kontroverse Meinung zum Land. Pascal zeigt sich allgemein ziemlich unbeeindruckt von Vietnam; uns machte vor allem der Pauschaltourismus einen Strich durch die Rechnung. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das sogenannte Open Bus System will den Touristenmassen Rechnung tragen. Somit werden alle grossen Touristenorte von Liegebussen angefahren. Will man jedoch nicht auf der klassischen Touristenroute reisen, wird‘s schwierig: Mancherorts gibt‘s schlichtweg kein anderes ÖV-System. Unsere Alternative heisst dann Reisen per Anhalter.


Einen der ersten Stopps unserer Vietnam-Reise legen wir in Sapa ein. Die Stadt in den Bergen ist bei einheimischen Touristen besonders beliebt. Obwohl sie unglaublich hässlich ist, besitzt sie dank ihrer bergigen Lage Charme: Man kann weit über unzählige Reisterrassen blicken. Hier gelingt es uns, den einheimischen Touristenmassen für zwei Tage zu entfliehen, indem wir in ein nahegelegenes Bergdorf wandern. Patrick ist erkältet - die Tage in Sapa waren kalt und regnerisch - sodass er sich nach der Wanderung hinlegt, während ich bei einer Tasse Tee mit den Frauen unserer Gastfamilie plaudere und mit den Kleinen spiele. Am Abend wärmen wir uns zusammen mit Hunden und Katzen am Feuer in der Küche, bevor‘s Gemüsenudeln gibt zum Znacht; und für Patrick eine Petflasche mit heissem Wasser unter die Decke. Trotzdem schlottert er bis wir in einen tiefen Schlaf fallen.


In Hanoi machen wir zwei Fehler. Einerseits quartieren wir uns in einen Schlafsaal ein. Das tun wir zwar immer wieder einmal, vor allem wenn private Unterkünfte in Grossstädten zu teuer sind und wir keine Couchsurfing-Option haben. Bislang hielt sich der Backpackerstrom aber überschaubar, weshalb wir oft die einzigen im Schlafsaal waren. Nicht so in Vietnam. Unser Dorm in der ersten Unterkunft ist so winzig und stickig, dass wir uns für die zweite Nacht ein anderes Zimmer suchen: ein bisschen grösser, ein bisschen weniger stickig, dafür auch ein bisschen mehr Backpacker. Schon unsere zweitägige Bootsreise von Laos an die vietnamesische Grenze unternahmen wir mit einer Gruppe Backpackern. Val, einen jungen Franzosen aus der Reisegruppe, trafen wir im Historical Victory Museum in Dien Bien Phu, unserem ersten Halt nach der laotischen Grenze, wieder. Er ist ein nachdenklicher, interessierter Mann mit dem wir uns gut verstehen. Beim gemeinsamen Abendessen verabredeten wir uns, auch den folgenden Reisetag zusammen zu verbringen. Damit will ich sagen: Mit Backpackern ist es wie mit Katzen. Alleine unterwegs sind sie die liebenswertesten Geschöpfe. Je grösser aber ihre Gruppe, desto mehr schaukelt man sich gegenseitig hoch, will sich in Abenteuergeschichten übertrumpfen, wird gefaucht oder auch - gemeinsam Liebe gemacht. So auch in unserem Schlafsaal in Hanoi. Kurz: zu viel ist zu viel.

Den zweiten Fehler begehen wir, als wir uns zu einer Free Walking Tour anmelden. Eigentlich haben wir durchaus gute Erfahrungen gemacht mit dieser Art von Stadtbesichtigung. Nicht so in Hanoi. Anstatt Neues über die Stadt, vietnamesische Kultur- und Sozialgeschichte zu lernen, finden wir uns in einem bizarren Frage-Antworten-Spiel à la Alte Schule wieder. Die Erzählungen des Guides sind belanglos, repetativ - kurz - langweilig. Beim Tempel des Jadebergs, der ersten grossen Sehenswürdigkeit, brechen wir die Fürhung bereits wieder ab. Wir sind nicht die einzigen. In den kommenden Tagen entdecken wir Hanoi auf eigene Faust. Wir schlendern durch den Dong Xuan Markt, auf herzigen Wohngassen und vorbei an Wellblechbauten zur Long Bien Brücke, stärken uns mit weltbestem Ca Phe Trung (Eierkaffee), Ca Phe Sua Chua (Joghurtkaffee) und Ca Phe Cot Dua (Kokoskaffee). Das Ho-Chi-Minh-Mausoleum präsentiert sich majestätisch, weil das dazugehörige Museum jedoch geschlossen ist, werde ich erst in Ho-Chi-Minh-Stadt Details über das Leben des Revolutionärs erfahren. Das Women‘s Museum zeigt Teilaspekte davon, was es bedeutet, als Frau in Vietnam zu leben; im Kunstmuseum entdecken wir eine kleine Ausstellung über feministische Comics. Vor allem aber lernen wir die berühmte Seiden- und Lackmalerei des Landes kennen. Am meisten beeindruckt bin ich von Architektur und Geschichte des Literaturtempels: Als konfuzianische Akademie diente sie von 1076 bis 1915 der Ausbildung der vietnamesischen Elite und war berühmt-berüchtigt für ihre schwierigen Prüfungen zur Erlangung der Doktorwürde. Besonders spannend ist der Aufbau der Anlage deshalb, weil jeder der fünf Innenhöfe eine Etappe der konfuzianischen Lehre widerspiegelt. Die Abende verbringen wir auf der Strasse, wo wir mit Bier vom Fass an Minitischen sitzen und mit anderen Reisenden plaudern.


Weil wir die Halong Bucht zwar besuchen möchten, unser Dilemma aber einmal mehr Pauschaltourismus heisst, versuchen wir, einen Kompromiss zu machen. Wir reisen auf die Insel Cat Ba, weil sie uns als weniger touristisch vorgeschlagen wird. Das ist zwar kaum der Fall, aber als wir einen Roller mieten und damit die Insel entdecken, gelingt uns die Flucht. Wir fahren zu wunderschönen Aussichtspunkten, baden an verlassenen Stränden, entdecken am Hafen eine lokale Fischsossenfabrik und spazieren der Küste entlang. Somit sind wir gelassen und entspannt, als wir am nächsten Tag zusammen mit dreissig anderen Touristen im Boot Richtung Halong fahren. Wir geniessen die wunderschöne Felsenlandschaft, springen mit den anderen vom Boot ins Wasser, schwimmen durch Höhlen, an deren Ende sich kleine, von Dschungel und Felsen umgebene Strände befinden. Sogar für eine Kajaktour lassen wir uns begeistern. Ehrlich gesagt sind wir sogar so entspannt, dass wir uns selbst mit dem betrunkenen Deutschen mit Strohhut anfreunden.


Meistens finden wir einen Weg, dass uns das Reisen in Vietnam Spass macht. Auch wenn wir dafür grosszügig Orte auslassen: weder das Mekongdelta, noch den russischen Badeort Mui Ne oder die Tunnel bei Cu Chi aus dem Vietnamkrieg besuchen wir. Immerhin Pascal gibt uns damit Recht: Das Mekongdelta gefiel ihm landschaftlich gut, aber die Touristenmassen hinterliessen einen bitteren Nachgeschmack. Wir dagegen sind von vielen vietnamesischen Städten ernüchtert. Sie sind zwar spannend, wuselig und geschichtsträchtig; die modernen, chinesisch geprägten Gebäude aber meistens unzumutbar hässlich. Und was wir ebenfalls bedauern, ist der spärliche Kontakt zu Einheimischen. Wann immer wir nämlich Zeit mit ihnen verbringen, schätzen wir die freundlich-pragmatische Art und ihren Humor. Als ich in einer unscheinbaren Gasse in Hoi An bei einer älteren Frau einen Strassenkaffee bestelle, beginnen wir zu plaudern. Ihre Schwester lädt mich zu Tee und Dessert ein, ihr Mann setzt sich zu mir; mit Händen, Füssen und viel herzlichem Lachen verbringe ich den Nachmittag.

In Da Lat übernachten wir bei einer Familie, die wir sofort ins Herz schliessen. Während der Sohn stets zum Scherzen aufgelegt ist, umsorgt uns seine Mutter mit Kaffee. Ihrer Ansicht nach verstehen wir die vietnamesiche Zubereitung ganz und gar nicht. Mit rotgepuderten Bäckchen steht die kleine Dame in der Küche vor mir und erklärt zum wiederholten Male, wie ich mit dem Filter umzugehen habe. Schulterzuckend gehorche ich, bis wir alle lachen müssen. Weil es regnerisch und kalt ist, deckt sie uns abends mit heissem Wasser und Unmengen von Decken ein, am Morgen besteht sie darauf, dass wir das Haus nur mit ihren flippigen Regenponchos verlassen.

Den unterhaltsamsten Abend mit Vietnamesen verbringen wir allerdings in Hue, der alten Kaiserstadt. Den ganzen Tag verbrachten wir in der ehemaligen Palastanlage der Nguyen-Dynastie. Es ist eine eindrucksvolle Anlage mit vielen kunstvoll und aufwändig verzierten Palästen, Tempeln, Säulengängen und Gärten. Sie lassen einen erahnen, in welchem Prunk hier die einstige Kaiserfamilie hauste. Am Abend setzen wir uns in die Ausgehmeile, trinken ein Bier und während wir Jugendliche beim Flirten beobachten, dringt der Mix verschiedener Karaoke-Schuppen zu uns hinüber. Ich schmunzle. Sofort kommen Erinnerungen hoch an längst vergangene Tage: wie meine beste Freundin mit meinem 17-jährigen Ich an der Theke im Domino sitzt. Wir tauschen Neuigkeiten aus und lachen über falsche Klänge, die vom Mikrofon aus die ganze Bar erfüllen. Zwar sind wir im gleichen Haus aufgewachsen, die Welt ausserhalb der Familie reizt uns zu jener Zeit aber mehr. So wird die Ausgangsmeile der Kleinstadt, in der wir aufwachsen, zu unserem Dreh- und Angelpunkt. Am Wochenende tanzen wir zur „Disco Time“ in der Kammgarn oder zu Reggae/Dancehall im Tap Tab. Hat eine von uns Stress mit ihrem Freund, in der Ausbildung oder Schule; haben wir gebrochene Herzen oder sonstige Sorgen, dann heisst unser Treffpunkt Tabaco. Dort schütten wir uns gegenseitig unsere Herzen aus; und Long Islands in uns hinein. Bis wir zu wissen meinen, dass es uns besser geht. Wenn wir besonders viel zu erzählen haben (wie ihr bestimmt wisst, strotzt das Leben einer Kanti-Schülerin vor Abenteuern), treffen wir uns dienstags: Dann ist Karaoke-Night im Domino.

Auf dem Heimweg schwelgen Patrick und ich in Erinnerungen. Wir erzählen gerne Geschichten aus unserer Jugend. Weil es eine Zeit ist, die vor Abenteuerlust, Tatendrang und Idealismus nur so strotzt. Und weil wir beide gute Freunde an unserer Seite hatten, die unsere Hochs und Tiefs mittrugen. Wir sind gerade in die Strasse, in der sich unser Hostel befindet, abgebogen, als wir sie hören: Unsere Nachbarn sitzen mit Kisten voll Bier auf der Strasse und singen - Karaoke! Bislang konnten wir uns vor Karaokeabenden hüten, heute jedoch lassen wir uns darauf ein. Tapfer geben wir Backstreetboys und Schweizer Hits zum Besten, während wir Bier auf ex trinken müssen. Alles in allem ist es ein witziger Abend, bis zu dem Moment, als sich ein junger Motorradfahrer mit seiner Freundin an uns vorbeizwängt. Da die Strasse wegen Bauarbeiten offenliegt, weichen Töffli logischerweise aufs Trottoir aus. Weil nun aber wir da sitzen, hat es wenig Platz, um vorbeizufahren. Den ganzen Abend lang hat sich niemand daran gestört; wahrscheinlich kommt es dem steigenden Alkoholpegel zu, dass es jetzt plötzlich zum Problem wird. Einer der Sänger herrscht den Motorradfahrer an, dieser gibt zurück und schon schaukelt sich die Situation hoch bis ein Gerangel entsteht. Jeder ist involviert: Während die Männer sich anschreien und rumschubsen, beginnt die Freudin des Fahrers hysterisch zu kreischen und fällt um. Eine der Frauen nimmt sich der am Boden kauernden Freundin an, eine weitere wirft sich schreiend zwischen die Männer. Patrick und ich stehen daneben, nippen weiter an unserem Bier und trauen unseren Augen nicht: Solch eine absurd theatralische Pseudo-Schlägerei haben wir noch nie erlebt. Zu Beginn noch wollte ich mich einmischen, um die Gemüter zu beruhigen. Als wir jedoch verwundert feststellen, dass gar keine physische Gewalt ausgeübt wird, mache ich wortwörtlich einen Schritt zurück. So stehen wir irritiert daneben und sind froh, als sich die Lage zu entspannen scheint. Die Freundin ist wieder auf den Beinen und telefoniert; die Männer haben sich zurückgezogen. Doch wir haben uns zu früh gefreut. Aus dem Treppenhaus kommt einer der Männer gelaufen; in der Hand hält er - eine Reissichel! Schritt für Schritt und wie in Zeitlupe fuchtelnd geht er damit auf den Fahrer zu. Für Patrick bleibt also genug Zeit, dem Reissichel-Fuchtler entgegenzutreten und die Waffe abzunehmen. Weil wieder Hysterie ausgebrochen ist, kann er die Sichel in Ruhe verstecken. Wir entscheiden, uns langsam aber sicher aus dem Staub zu machen. Das Geschrei hat nämlich die halbe Nachbarschaft auf die Strasse und an die Fenster geholt; uns ist es unangenehm, in den Streit - von dem wir kein Wort verstehen - involviert zu sein. Doch da steht der Mann schon wieder auf der Strasse; diesmal mit einem Buschmesser. „Echt jetzt?“, seufzt Patrick und setzt sich in Bewegung, dem Mann das Messer wegzunehmen. Währenddem fliegen die ersten Bierflaschen von einer Gruppe, die sich auf der gegenüberliegenden Strassenseite formiert hat. Sofort werden die Geschosse mit Bierflaschen von unserer Seite der Strasse erwidert. Abermals ist es eine bizarre Situation, die Flaschen schiessen in alle Himmelsrichtungen. Unangenehm, aber kaum beängstigend. Und weil mein volles Bier noch auf dem Tisch steht, gehe ich zurück, schnappe es mir und wir treten den Heiweg an. „Was für eine Vorstellung“, lachen wir. Wir hatten ja keine Ahnung, wie unterhaltsam Karaoke sein kann.


Danke, Annina, dass du nicht nur das Leben ganz allgemein mit mir gestartet hast, sondern dass wir auch die ersten Schritte ins Backpackergetümmel zusammen wagten. Du weisst, was es heisst, in stinkenden Schlafsälen zu übernachten und mitten in der Nacht vom Liebesgestöhn der Bettnachbarn aufgeweckt zu werden. Danke, dass deine Unternehmungslust uns so manch spontane Begegnung bescherte; danke, dass dein Pragmatismus uns rettete, wo meine übermütige Abenteuerlust zu überborden drohte. Mit dir habe ich die verrücktesten Ausgangsnächte erlebt, waren sie in Sydney, Daressalam oder Bangkok; in Hamburg, Madrid oder Dublin; im Niemandsland Portugals oder Norwegens. Vielleicht sogar in Schaffhausen: Domino-Karaoke in Ehren.



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