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Niemand ist frei, solange wir nicht alle frei sind

„Willst du wissen, wie Ameisen Löwen dazu bringen, weniger Zebras zu fressen?“, fragt Patrick und grinst mich über sein Müsli hinweg an. Wir sitzen am Frühstückstisch des kleinen Steinhauses, in dem wir seit drei Wochen wohnen. Im Kamin brennt ein Feuer, weil es seit einigen Tagen kalt, nass und stürmisch ist im Südosten Kretas. Während ich schreibe, liest Patrick Zeitung. Dabei ist er auf einen kurzweiligen Artikel gestossen, der zusammenfasst, wie ein Forschungsteam der Universität Wyoming folgendes Phänomen untersucht: In Kenia lebt die heimische Ameisenart in einer symbiotischen Beziehung mit Akazienbäumen: Während die Ameise Pflanzenfresser mittels Ameisensäure von den Bäumen fern hält, bietet die Akazie dem Insekt Lebensraum. Nun aber hat die grossköpfige Ameise die heimische Art verdrängt. Dies hat zur Folge, dass die Bäume abgefressen werden, was zu einer offeneren Landschaft führt. Die offene Landschaft wiederum führt dazu, dass Löwen weniger Zebras jagen können, weil ihre Verstecke verschwinden. Deshalb reissen kenianische Löwen jetzt häufiger Büffel. Wir lachen. Welch faszinierende Kettenreaktion!


Als ich einige Tage später Äste, Blätter und Palmfrüchte kehre, die der Sturm auf den Vorplatz des Häuschens gefegt hat, muss ich noch immer an den Zeitungsartikel denken. In meinem Notizbuch findet sich seit geraumer Zeit nämlich der Titel „Kambodscha“. Darunter habe ich drei Zeilen notiert. Fertig. Schon zum zweiten Mal an diesem Vormittag bin ich durch meine Fotos gescrollt; vom Lesen des Tagebuchs ganz zu schweigen. Es ist nicht so, dass wir in Kambodscha nichts erlebt hätten - im Gegenteil. Aber manchmal fällt es mir schwer, klare Gedanken zu fassen. Vor allem dann, wenn ich über etwas schreiben möchte, dass ich selbst nicht verstehe.

Ich weiss. Ich wiederhole mich in meinen Berichten. Immer wieder schreibe ich über Missstände, Frauenrechte, Fremdenfeindlichkeit, koloniale Gewalt und Unterdrückung. Zum einen ist dies bestimmt meinem Studium zu verdanken, in welchem ich mich mit postkolonialer Theorie und subaltern studies auseinandersetzte. Die Texte von Aimé Césaire, Frantz Fanon, Edward Said und Gayatri Chakravorty Spivak haben ihre Spuren hinterlassen. Zum anderen sind es die Themen, mit denen wir auf unserer Reise tagtäglich konfrontiert werden. Patrick sagt manchmal, dass mein Fokus auf Ungerechtigkeiten läge; dass meine Wahrnehmung somit subjektiv sei. Damit hat er natürlich recht. Dennoch bin ich der festen Überzeugung: Niemand ist frei, solange wir nicht alle frei sind. Oder in anderen Worten: Mir wird immer wieder die Frage gestellt, was mich diese Reise gelehrt hat. Über meine misanthrope Antwort erschrecke ich regelmässig selbst: Ich lernte vor allem, wie grausam Menschen sein können. Ja, mein Menschenbild hat sich gewandelt. Die Zeit im Ausland hat mir gezeigt, wie alltäglich und facettenreich Gewalt auf dieser Welt ist.

Ziehen wir - als grösstes Verbrechen der Menschheitsgeschichte überhaupt - den Völkermord als Beispiel hinzu. Ich kann sie an einer Hand abzählen: Die Länder, die wir auf unserer Reise besucht haben und die NICHT - entweder als Opfer oder Täter Teil eines Völkermordes wurden. Ohne Zweifel: Die europäischen Kolonialmächte sind Spitzenreiter, wenn es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht. Vielleicht klingt auch der Völkermord an den Armeniern oder der Genozid in Bangladesch noch etwas an. Aber hast du schon einmal etwas vom Putumayo-Völkermord oder vom Sook-Ching-Massaker gehört? Eben. Ich auch nicht, bevor wir uns auf den Weg um die Welt gemacht haben.


Eigentlich müsste ich an dieser Stelle von vorne beginnen. Ich müsste einmal mehr von einem Land erzählen, dass riesige Gebiete in Übersee raubte, Menschen versklavte und somit zur zweitgrössten Kolonialmacht der Welt aufstieg. Ich müsste sie wieder öffnen - diese Büchse der Pandora - und davon schreiben, wie Dekolonialisierungsbestrebungen zu Kriegen führten, weil Imperialisten ihre vermeintlichen Besitztümer nicht aufgeben wollten. Laos, Vietnam und Kambodscha teilen sich das Leid, ehemaliges Französisch-Indochina zu sein. Sie teilen sich eine Geschichte langer Kriegsjahre als Spielbälle westlich-kapitalistischer Interessen. Eigentlich müsste ich auch erzählen, dass es ein weiterer Staatspräsident nicht zustande bringt, sich für vergangene Gräueltaten zu entschuldigen. Oder wie es möglich ist, dass Frankreich bis heute Kolonien besitzt. Zwölf, um genau zu sein. Aber ich möchte nicht langweilen. Und ein wenig bin ich es auch leid, immer dasselbe zu schreiben.

Und so erinnere ich mich an den Zeitungsartikel, der davon zeugt, wie alles zusammenhängt. Wie jedes Ereignis das Resultat einer Kettenreaktion ist. „Vielleicht“, so denke ich, „kann ich Kambodschas Vergangenheit ansatzweise verstehen, wenn ich mich vorerst nur auf die invasive Ameisenart konzentriere?“ Also rolle ich die unheilsame Geschichte, die das 20. Jahrhundert dem ehemaligen Indochina bescherte, an denjenigen Fäden auf, wo wir beim Reisen über sie stolperten. Sie sind unmittelbar miteinander verwoben - Vietnam, Laos und Kambodscha.


In Vietnam drängt sich einem die bekannte Vergangenheit geradezu auf: Wir alle kennen die Szenen des wahnsinnig gewordenen Colonel Kurtz aus „Apocalypse Now“, wie Charlie Sheen als Chris Taylor im vietnamesischen Dschungel um sein Leben kämpft oder die brutale Ausbildungszeit von Private Joker in „Full Metal Jacket“. Hollywood hat den Vietnamkrieg als Kampf zwischen Viet Cong und den USA in unserem kollektiven Erinnern festgesetzt. Diese Darstellung der Geschichte greift jedoch viel zu kurz. Denn: Die Wurzeln des Vietnamkriegs - oder treffender des Zweiten Indochinakriegs - liegen, man erahnt es, im Ersten Indochinakrieg. Und der Erste Indochinakrieg wiederum folgte auf den Zweiten Weltkrieg. Aber eins nach dem anderen. Während des Zweiten Weltkriegs besetzten japanische Truppen Französisch-Indochina. Dies hatte zur Folge, dass es der kommunistischen Organisation der Viet Minh, die sich für die Unabhängigkeit Vietnams stark machte, gelang, den Norden des Landes unter Kontrolle zu bringen. Weil die französische Kolonialmacht bestrebt war, ihre Herrschaft wiederherzustellen, brach 1946 Krieg aus. Bis zur Einmischung von China und den USA beschränkte sich der Konflikt auf einen Guerillakrieg der Viet Minh gegen die Kolonialmacht. Auf die alles entscheidende Schlacht des Ersten Indochinakriegs in Dien Bien Phu ist man als Vietnamese noch heute stolz. Davon zeugt der französische Kommandobunker, der Hügel A1, das Kriegsdenkmal und ein imposantes Museum - das Historical Victory Museum. Alle Sehenswürdigkeiten der Stadt, die wir besuchen, drehen sich um die zweimonatige Schlacht im Frühjahr 1954, die mit der französischen Niederlage endete. Auf dem Hügel A1 lässt sich in Schützengräben kriechen oder auf Panzer klettern. Im Museum stehen wir vor einem zwanzig Meter langen Rundbild, welches einen Überblick zum Verlauf der Schlacht gibt. Sound- und Lichteffekte, Kriegsmaterialien und Puppen sollen dafür sorgen, sich inmitten der Geschehnisse zu fühlen. Naja. Allem patriotischen Kitsch zum Trotz: Die Niederlage Frankreichs hatte zur Folge, dass Vietnam, Kambodscha und Laos unabhängig wurden. Insofern ist Dien Bien Phu ein grossartiger Sieg.

Doch leider endet die Geschichte an dieser Stelle nicht. In der Schweiz - genauer gesagt in Genf - wird Vietnam auseinandergerissen: Die Demokratische Republik Vietnam im Norden unter Ho Chi Minh ist kommunistisch, im Süden übernimmt eine amerikanische Marionettenregierung unter Ngo Dinh Diem die Herrschaft. Zur Ruhe kommt das getrennte Vietnam dennoch nicht. Von 1955 bis 1964 folgt ein Bürgerkrieg, in welchem die Viet Minh Aufstände im Süden unterstützen mit dem Ziel, die antikommunistische Regierung zu stürzen und Vietnam wiederzuvereinen. Spätestens ab 1959 sind auch Laos und Kambodscha involviert: Der Ho-Chi-Minh-Pfad führt als Versorgungsroute der Kommunisten von Nordvietnam über Laos und Kambodscha nach Südvietnam. Die Aufstände intensivieren sich stetig; zwischen 1961 und 63 dringen rund 40‘000 Kämpfer in den Süden ein.

Dass die Kriegsjahre mitten in den Kalten Krieg fallen, führt uns das Kriegsopfermuseum in Ho-Chi-Minh-Stadt anschaulich vor Augen. Es konzentriert sich auf die letzten zehn Jahre des Konflikts; auf diejenige Zeit, die uns allen bekannt ist: Vietnam wird zum Stellvertreterkrieg zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Auf den Tonkin-Zwischenfall 1965 folgen erste Bombardierungen auf Nordvietnam durch die USA. China und die Sowjetunion unterstützen die Viet Minh beziehungsweise deren bewaffneten Arm FNL (Viet Cong). Diesen drei blutigen Jahre bis zur Tet-Offensive im Jahr 1968 schenkt das Museum die grösste Aufmerksamkeit. Die Geschichte lässt sich kurz und knapp nachlesen, das Kernstück der Ausstellung liegt jedoch auf Fotos. Das ist kein Zufall: Fotografien spielen im Vietnamkrieg eine Schlüsselrolle. Zwei Bildern - wir kennen sie alle - wird sogar die Macht zugemessen, das Kriegsgeschehen massgeblich beeinflusst zu haben.

Das erste Bild ging als „Saigon Execution“ in die Geschichte ein. Es zeigt, wie Nguyen Van Lem, ein Kämpfer der Viet Cong, vom Polizeichef von Saigon mit einem Kopfschuss hingerichtet wird. Das Foto entstand in den Tagen der Tet-Offensive: Obwohl die Viet Cong mit ihrem Überraschungsangriff auf US-Stützpunkte in Südvietnam keinen militärischen Durchbruch erreichten, traf die Attacke mitten ins Herz des amerikanischen Überlegenheitsgefühls. Die öffentliche Meinung kippte. War sich die breite amerikanische Öffentlichkeit bislang einig, einen gerechten Krieg zu führen, kamen nun Zweifel. Die grossen Antikriegsdemonstrationen der 68er waren die Folge. Als 1972 ein weiteres, ebenso erschütterndes Bild um die Welt ging, war der Krieg für die USA bereits verloren: Erste US-Truppen wurden ab 1969 abgezogen und nach weiteren erfolglosen Bombenangriffen schloss die südvietnamesische Regierung im Januar 1973 einen Waffenstillstand mit Nordvietnam.

Dieses zweite Foto zeigt die verzweifelte Flucht des „Napalm Girl“ und liess die Menschen im Westen auf den Einsatz einer besonders perversen Waffe blicken: In keinem Konflikt zuvor oder danach kam Napalm in grösseren Mengen vor als im Vietnamkrieg. Der Brandkampfstoff, der schwere Verbrennungen verursacht, wurde als Bombe oder mithilfe von Flammenwerfern eingesetzt. Das Museum präsentiert den Einsatz chemischer Waffen abermals mithilfe einer Fotoausstellung. Ich halte die Fotos über die Folgen des Einsatzes von Agent Orange kaum aus: Von den Wänden blicken mich missgebildete Kinder an. Die USA setzte das chemische Entlaubungsmittel ganz im Sinne der verbrannten Erde ein: einerseits um Verstecke der Viet Cong zu enttarnen beziehungsweise zu verunmöglichen. Andererseits um ihre Nutzpflanzen - und somit ihre Nahrungsgrundlage - zu zerstören. Zwar endete der Krieg 1975 mit der Einnahme Saigons durch nordvietnamesische Truppen und ein Jahr später wurde Vietnam als kommunistischer Staat wiedervereint. Doch bis heute leiden schätzungsweise eine Million Vietnamesen unter den Spätfolgen von Agent Orange.


Dass auch Laos eine Kriegsgeschichte aufweist, wird uns spätestens klar, als wir im COPE-Besuchszentrum in Vientiane stehen. Der Verein unterstützt Opfer von Blindgängern mittels medizinischer Hilfe und Prothesen. Zwar bekundete sich Laos im Vietnamkrieg offiziell als neutral; wie bereits erwähnt, führte der Ho-Chi-Minh-Pfad jedoch durch laotisches Staatsgebiet. Das hatte zur Folge, dass das Land zum meistbombardierten Land der Welt wurde. Oder in Zahlen: Zwischen 1964 und 1973 warf die USA rund zwei Millionen Tonnen Bomben auf Laos, wovon ein Drittel aller Streubomben nicht detonierte. Diese Bomben begleiten fortan unsere Reise durch Laos: In Form von Kochtöpfen wird darin unser Klebreis gekocht, in Form von Löffeln essen wir damit unsere Gemüsesuppe. Auf dem Markt werden Schmuckstücke aus ehemaligen Bomben angeboten; mancherorts haben sie auch ihre ursprüngliche Form beibehalten. Dann dienen sie als Blumentöpfe, Gartenzäune oder Feuerschalen. Damit ist Laos‘ Kriegsgeschichte allerdings noch nicht erzählt. Im Bürgerkrieg zwischen 1954 und 1975 kämpften kommunistische Pathet-Lao-Guerillas gegen die Regierung. Die wurde - wen wundert‘s - von den USA unterstützt. Die CIA ging sogar soweit, in den 60er Jahren eine geheime Gegenarmee zu gründen: die indigenen Hmong-Guerillas. Es erstaunt kaum, dass die Hmong breitwillig geopfert und sogar Kindersoldaten rekrutiert wurden. Was jedoch erschüttert: Der Sieg der Pathet Lao bedeutete für die Hmong den Anfang einer Verfolgung, die bis heute andauert. Noch immer gelten sie als „Amerikas vergessene Krieger“ und werden sowohl von laotischer als auch von vietnamesischer Seite massakriert.


An dieser Stelle schliesst sich der Kreis: Einmal mehr bin ich bei der Vernichtung einer ethnischen Gruppe angekommen. Keine Ausnahme für die Geschichte des 20. Jahrhunderts; eher ein bisschen Standard. Kambodscha setzt allerdings eins drauf. Für uns beginnt das Unfassbare an den Toren von Tuol Sleng, dem ehemaligen Foltergefängnis der Roten Khmer. Schon bevor wir in Kambodscha einreisen, sind wir mit der Genozidgeschichte des Landes vertraut. Allerdings ist es ja meistens so: Je mehr man über eine Sache weiss, desto mehr Fragen tauchen unter der Oberfläche auf. Somit hoffen wir - indem wir ins kambodschanische Herz der Finsternis blicken - das unglaubliche Verbrechen ein bisschen fassbarer zu machen. Vorweg: Die kommunistische Rote Khmer ist für den Völkermord an schätzungsweise zwei Millionen Kambodschanern zwischen den Jahren 1975 und 1979 verantwortlich. Da die Rote Khmer und ihr Führer Pol Pot ebenfalls Kambodschaner waren, spricht man auch vom Autogenozid - dem Völkermord an der eigenen Bevölkerung. An dieser Stelle schon drängt sich unweigerlich die Frage nach dem Warum auf. Zwei Stunden schauen wir uns die ehemaligen Gefängniszellen an, lesen die spärlichen Texte dazu - und sind irritierter als zuvor. „Also… Steinzeitkommunismus bleibt weiterhin die Erklärung für die Verbrechen der Roten Khmer?“, fragt mich Patrick als wir auf einer Bank vor dem Genozid-Denkmal sitzen. Ich zucke mit den Schultern. „Was weiss ich. Mir scheint, als wäre die gesamte kommunistische Führung paranoid gewesen und hätte Feinde gesehen, wo gar keine waren. Und die wurden dann kurzerhand umgebracht.“ Unsere Erklärungen sind der Versuch, ein wenig Klarheit zu schaffen. Nach dem fünfjährigen Bürgerkrieg in Kambodscha (1970-1975) übernahm - wie in Vietnam und Laos - eine kommunistische Führung die Herrschaft im Land. Kaum waren die Roten Khmer also an der Macht, räumten sie die Städte, indem Stadtbewohner aufs Land deportiert wurden, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. Hinter dieser Umstrukturierung stand die Vorstellung, die Gesamtbevölkerung in „neue Menschen“ umzuerziehen. Unter „neuen Menschen“ verstanden die Roten Khmer einfache, ungebildete Menschen aus den unteren Schichten. Sie sollten die Stunde null begründen und die Basis für eine egalitäre Gesellschaft legen. Dazu wurden Schulen, Krankenhäuser und Klöster geschlossen, Geld abgeschafft und die gesamte intellektuelle Elite ermordet. Besonders absurd wurde die Situation, als eine Hungersnot zutage förderte, in welchem Ausmass die Roten Khmer Reis exportierten. Während China für Reis Waffen lieferte, verhungerten die eigenen Bauern - diejenigen, die für die Reisproduktion unersetzlich waren. „Soweit verstehe ich das Experiment, auch wenn es absolut unlogisch ist“, kommentiere ich Patricks Zusammenfassung.

Als wir zum Ausgang gehen, ruft uns ein alter Mann zu sich. Er sitzt an einem Tisch, vor ihm ein Stapel Bücher. Ob wir nicht eines kaufen mögen, fragt er. Es sei seine Biografie; er sei einer der sieben einzigen Überlebenden. Dann streckt er uns seine verbogenen Finger entgegen und beginnt, von Folterungen zu erzählen. Wir lehnen dankend ab.

Wenige Tage später besuchen wir ein Killing Field. Rund 300 solcher Stätte des Massenmords befinden sich in Kambodscha. Die aufgestapelten Schädel in buddhistischen Stupas sind ein beliebtes Touristenziel. Wir finden auch hier keine Antworten. Und als wir vor einer Killing Cave - einer Höhle, in der Massenmorde begangen wurden - auf Statuen in bizarren Foltersituationen stossen, bleibt uns nur ein irritiertes Lachen. Bei aller Wichtigkeit von geschichtlicher Aufarbeitung und kollektiven Erinnerungsorten: In Kambodscha lesen wir die immergleichen Fakten, die nicht erklären, sondern lediglich beschreiben. Und dies tun sie - nach unserem Empfinden - auf eine sensationsgierige Art und Weise. Werden Folterbeschreibungen, Bilder und Skulpturen so explizit dargestellt und Überlebende vorgeführt, um den touristischen Voyeurismus zu stillen? Nach dem „Warum“ nämlich scheint kaum jemand zu fragen.


Steht die Gegenwart und nicht die Vergangenheit im Zentrum unserer Reise durch Kambodscha, sind wir alles andere als ratlos. Die ersten Tage verbringen wir auf der traumhaften Insel Koh Rong. Wir wandern durch den Dschungel zu verlassenen Stränden, liegen lesend in der Sonne und freunden uns mit anderen Reisenden an. Mithilfe eines Motorrads entdecken wir weitere Strände, erkunden Pagoden und winzige Dörfer. Wir spazieren dem türkisblauen Meer entlang, krokodilen im seichten Wasser und pflücken Kokosnüsse. Am Abend geniessen wir kitschige Sonnenuntergänge oder Pizza und Rotwein am Bootssteg. Sowieso: In Kambodscha sind wir fast nur noch mit Töffli unterwegs. Unsere erste Tour führt uns ins Pfefferland. Wir besuchen spektakuläre buddhistische Höhlentempel in denen sich Kalkformationen türmen und enge Tunnelsysteme zu unterirdischen Quellen führen. Auf einer Pfefferfarm erfahren wir, wie der weltbeste Kampot-Pfeffer angebaut und verarbeitet wird. Wir erklimmen Aussichtspunkte und streifen durch den hügeligen Dschungel des Kep Nationalpark. Auf dem Krabbenmarkt bestaunen wir den Tagesfang der Fischer - die vielen bunten Meerestiere - und sind froh, dass es für uns Gemüse zum Abendessen gibt. Auf der zweiten Motorradreise lassen wir uns dem Mekong entlang treiben. Wir fahren durch endlose, ländliche Dörfer: Traditionelle Holzhäuser auf Stelzen, Bauern bei der Arbeit und der Gebetsruf des Muezzins begleiten uns. Wir besuchen eine Pagode hier, einen Tempel da, saugen die wunderschöne, unaufgeregte Landschaft und das langsame Leben in uns auf. Strahlende Frauen verkaufen Zuckerrohrsaft am Strassenrand, womit wir uns stärken. Wir picknicken im Schatten riesiger Bodhibäume und schlafen in winzigen Dörfern. Bei den Mekong-Schwellen in Kratie richten wir uns einen Beobachtungsposten für die seltenen Irrawaddy-Delfine ein. Eine Gruppe Einheimische ruft uns in ihren Garten, weil die Sicht auf Delfine hier besonders gut sein soll. Zwar warten wir auch da vergeblich, dafür werden wir von Jugendlichen umringt, die uns kichernd neugierige Fragen stellen.

Unser dritter Töffliausflug führt uns in den Westen des Landes bis zur thailändischen Grenze. Vier Tage lang kämpfen wir uns durch unwegsames Gelände. Die Landschaft ist wunderschön einsam und wir sind meistens die einzigen Strassenbenutzer weit und breit. Bald wissen wir auch weshalb: Die Strasse ist steinig, ausgespült und oft so schlecht, dass ich zu Fuss gehen muss. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit am zweiten Tag liegt bei zwanzig Kilometern pro Stunde. An diesem Abend sitzen wir mit einem Bierchen in der Hand im Hotelpool und waschen uns die rote Erde aus allen Poren. Trotz Sonnenbrand und Müdigkeit bin ich überglücklich; auch für solche Tage liebe ich unsere Reise. Der nächste Tag bringt bessere Strassen bei gleichbleibender Einsamkeit. Auf Betonplatten fahren wir durch den Dschungel der Cardamom Mountains, eines der letzten intakten Regenwaldgebiete Südostasiens. Hier leben Elefanten, Krokodile, Malaienbären, Nebelparder und sogar Tiger. Aber auch weniger friedlichen Lebewesen diente der dichte Wald als Rückzugsgebiet: Als die Roten Khmer nach der vietnamesischen Besetzung 1979 entmachtet wurden, flohen sie in die Cardamom Mountains. Zwar brachte die Vertreibung der Roten Khmer für die Zivilbevölkerung das Ende einer Schreckensherrschaft, die von Zwangsarbeit, Hunger, Denunziation und Massentöten gekennzeichnet war. Nun aber wird die Geschichte komplex. Kambodschas zweiter Bürgerkrieg (1979-1989) wird als Stellvertreterkrieg ausgetragen: Auf der einen Seite kämpft Vietnam mit der verbündeten Sowjetunion. Auf der anderen Seite unterstützen Thailand, China und selbst die USA den Guerillakrieg der Roten Khmer. Das führt zur absurden Tatsache, dass der Genozid von keiner Seite aufgearbeitet, verurteilt, geschweige denn sanktioniert wird. Erst als Vietnam seine Truppen 1989 abzieht, ändert sich die Haltung der UNO und die Roten Khmer werden aus der Regierung verbannt. In den folgenden Jahren des dritten Bürgerkriegs wird Kambodscha unter UN-Aufsicht gestellt: Immer wieder flammen Konflikte mit den Roten Khmer auf. Zur Ruhe kommt das Land erst, als Pol Pot 1998 - kurz bevor er zum Rote-Khmer-Tribunal vorgeladen wird - stirbt. Wahrscheinlich hat er sich selbst das Leben genommen. (Falls du dich für die jüngere Geschichte Kambodschas beziehungsweise die Folgen des Genozids interessierst: https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54786/kambodscha/ [06.02.2024])

Die einzigen Lebewesen, die Patrick und ich zu Gesicht bekommen, während wir durch den wunderschönen Urwald fahren, sind Bauarbeiter. Sie arbeiten bei den Staudämmen, die wir überqueren, walzen den Asphalt der neuen Zugangsstrassen platt oder fällen Bäume aus uns unerschlossenen Gründen. Denn: Obwohl der grösste Teil der Cardamom Mountains seit 2016 unter Schutz steht, werden die Wälder von Infrastruktur- und Bergbauprojekten, illegalen Rodungen und Wilderern gefährdet. Diese Büchse der Pandora lasse ich nun aber ungeöffnet.


Vier Tage später sitzen wir beim Abendessen mit Sokhan, einem kambodschanischen Freund. Er hat uns den ganzen Tag durch die Tempel von Angkor - die riesige hinduistisch-buddhistischen Anlage aus dem 12. Jahrhundert - geführt. Sein Wissen über Architektur, Geschichte, Kunst und Religion der Bauten ist beeindruckend. Da wird den ganzen Tag über die ferne Vergangenheit Kambodschas diskutierten, wage ich, beim Essen die jüngere Geschichte des Landes aufzugreifen. Sokhan erzählt sehr zurückhaltend. Vielleicht ist dies der Tatsache geschuldet, dass er zur Zeit der Schreckensherrschaft noch nicht auf der Welt war. Vielleicht liegen die Gründe auch in der buddhistisch geprägten Gesellschaft: Die Vergangenheit soll ruhen.

Also mache ich mich selbst auf die Suche nach Antworten. Ich höre mir den Audio Guide über Tuol Sleng an, den wir bei unserem Besuch dankend ablehnten. Ich lese, recherchiere, schaue mir Filme an; immer auf der Suche nach möglichen Gründen, die einen Autogenozid erklären könnten. Die Konzepte von Steinzeitkommunismus und organisationsinterner Paranoia sind zwar bestechend; aus meiner Sicht muss es aber weitere Puzzleteile geben. Und schliesslich finde ich eines. Dieses Puzzleteil überzeugt mich aus zweierlei Gründen. Einerseits liegt es in der kolonialen Vergangenheit. Andererseits ist das Prinzip so einfach, dass ich es aus anderen Völkermorden kenne: Divide et impera - teile und herrsche. Um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, privilegierte die französische Kolonialverwaltung einen Bevölkerungsteil. Die kleine Gruppe der wohlhabenden Vietnamesen wurde in französische Dienste gestellt. Als Kaufleute waren sie gebildet und lebten vorwiegend in Städten. Erinnerst du dich? Genau diese Personengruppe wurde von den Roten Khmer als erstes hingerichtet. Das ist kein Zufall, sondern Programm: Die Ungerechtigkeitserfahrung unter kolonialer Fremdherrschaft ist mitverantwortlich für die Gründung, den Zuwachs und die späteren Verbrechen der Roten Khmer. Endlich bin ich bei der invasiven Ameise angekommen.



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