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Mexiko - eine Komödie in drei Akten. Dritter Akt: Crime in the City

Gesponsert von Patricks Götti Hansjörg, der weiss, wie wertvoll ein Zuhause ist, um eigene (und gemeinsame) Ressourcen aufzuladen.


Es ist ein sonniger Samstagnachmittag, als Patrick und ich durch den Flohmarkt beim Plaza Rio de Janeiro schlendern. An den kleinen Ständen bieten gutgelaunte, hippe Junge selbstgemachte Naturkosmetika, Secondhandkleider und Artesanias an. Wir geniessen die Atmosphäre, probieren hier und da Ohrenringe oder ein Hemd, plaudern mit den Verkäufern oder kaufen Kleinigkeiten. Seit drei Wochen wohnen wir bereits in Mexiko-Stadt.


Unser Zimmer mieten wir via Airbnb in Juans Wohnung. Der Enddreissiger ist Wirtschaftsingenieur und lebt mitten im grünen, europäisch angehauchten Viertel Condesa. Wir mögen ihn - und seine Katze Momo - auf Anhieb; und weil er oft im Homeoffice arbeitet, freunden wir uns schnell an. Die ersten Tage in unserem neuen Zuhause verbringen Patrick und ich meist getrennt. Patrick braucht Ruhe - eine Pause vom Reisen und Abstand von Verpflichtungen; auch gegenüber unserer Beziehung. Was für ihn bedeutet, Grenzen zu setzen, bedeutet für mich, loszulassen. In Oaxaca war ich bereits einige Tage alleine unterwegs. Ich reiste in kleine Dörfer im Hinterland auf den Spuren der Zapoteken, spektakulären Kalksteinformationen und Webkünstlern. Auch wenn ich manchmal traurig war, liess ich mich auf eine neue Chance ein: den Prozess des Loslassens von hinderlichen Glaubenssätzen. Was also in Oaxaca noch ziemlich unbewusst seinen Anfang genommen hatte, beginne ich in Mexiko-Stadt ausdrücklich zu hinterfragen. Woher rühren die negativen Gefühle, wenn Patrick und ich getrennt unterwegs sind? Weshalb habe ich Angst und wovor eigentlich? Was sind meine Vorstellungen einer gemeinsamen Reise? Und sind diese Vorstellungen realistisch? Gerechtfertigt? Oder vielleicht eher hinderlich? Mexiko-Stadt ist ein Paradies für mich. Während ich durch unzählige Museen und Ausstellungen streife, in Bücherläden schmökere und bald weiss, wo man in Condesa den besten Kaffee bekommt, füllt sich mein Tagebuch mehr und mehr. Indem ich formuliere, was mir Angst macht; indem ich mir eingestehe, wie sehr ich manche Situationen zu kontrollieren versuche, wird mir immer mehr bewusst, dass ich loslassen möchte. Denn Angst und Kontrolle sind unselige Zwillinge, die fesseln, einengen und kleinhalten.

Unser Abstand bedeutet auch für Patrick, sich auf sich selbst zu fokussieren. Nebst Osteopathie- und Zahnarztbesuchen erkundet er die Stadt joggend, zeichnet Architekturpläne und setzt sich mit seinen eigenen Prägungen auseinander. Nach zwei Wochen haben wir ein Date. Auf der Dachterrasse eines Hostels sprechen wir über unsere Beziehungsressourcen. Wir schreiben uns gegenseitig, was wir aneinander so schätzen. Und wir schauen in die Zukunft: Wo sehen wir uns persönlich, wo unsere Beziehung in fünf Jahren? Für mich ist die sachliche Auseinandersetzung mit unseren Stärken als Paar, mit unseren individuellen und gemeinsamen Wünschen und Träumen eine grosse Bereicherung. Und ich bin dankbar, dass ich mich bereits mit meinen eigenen Ängsten auseinandergesetzt habe. Im Ernst. Ich kann solche Dates nur weiterempfehlen; egal ob für Paarbeziehungen oder Freundschaften. Das Teilen unseres Innersten ist unglaublich wertschätzend, beziehungsfördernd und es kann so manch hinderliche - oder falsche - Annahme entlarven. Dieser Nachmittag gibt den Auftakt, dass wir wieder vermehrt Zeit miteinander verbringen. Zusammen besuchen wir ein Lucha Libre Spektakel, machen gemeinsame Ausflüge in benachbarte Orte und probieren uns durch unzählige Spezialitäten an bunten Märkten. Eine Kakaozeremonie stärkt uns als Individuen, aber auch als Paar abermals. Und gemeinsame Zeiten mit Freunden und Juan können wir wieder ehrlich geniessen.


Es dämmert bereits, als wir an jenem Samstag - nach dem Stöbern durch unzählige Marktstände - mit einem Bierchen in der Hand auf einer Parkbank sitzen und plaudern. Ich habe soeben meine leere Dose in den Abfalleimer geworfen, als ein Polizist auf einem Quad neben uns anhält. „Ihr wisst schon, dass es verboten ist, in der Öffentlichkeit Alkohol zu konsumieren?“, fragt er uns schroff. Verdutzt verneinen wir; und da wir wissen, wie unangenehm Begegnungen mit der zentralamerikanischen Polizei enden können, bringt Patrick seine Dose ebenfalls rasch zum Abfalleimer. Wir machen uns aus dem Staub und als wir um die Ecke biegen, meinen wir, aufatmen zu können. Weit gefehlt. Da steht bereits Verstärkung: aus dem Nichts ist ein Polizeiauto mit zwei weiteren Polizeibeamten aufgetaucht. Und nun ist der Wettkampf eröffnet. Dass wir dabei die Verlierer sind, steht ausser Diskussion. Verhandelt wird nur noch der Preis. Minutenlang entsteht eine hektische, chaotische Diskussion, in welcher niemand so richtig  zu wissen scheint, worüber überhaupt diskutiert wird. Dann wird Patrick ins Polizeiauto gestossen. Türen schlagen zu und weg ist das Auto. Ungläubig stehe ich mitten auf der Strasse. Und weil ich nicht weiss, was ich tun soll, möchte ich losheulen. Doch dann besinne ich mich. Nach diesen drei Wochen des Fokussierens auf uns selbst und der Auseinandersetzung mit unserer Beziehung, weiss ich, dass wir viele Ressourcen haben - die gilt es nun anzuzapfen, anstatt den Kopf in den Sand zu stecken. Während ich mir also einen Schlachtplan überlege, steht plötzlich ein Motorrad vor mir: David, Amairani und Luciana, ein mexikanisches Paar mit Tochter, haben beobachtet, wie Patrick im Polizeiwagen abtransportiert wurde. „Können wir euch helfen?“, fragen sie, nachdem ausgiebig auf die Polizei geflucht wurde. Damit wir wissen, wo sich Patrick überhaupt befindet, nimmt David mit dem Motorrad die Verfolgung auf. Ich bin froh, Amairani und Luciana als Verbündete bei mir zu haben. Fünfzehn Minuten vergehen, die mir wie eine Ewigkeit erscheinen. Dann erscheint Davids Motorrad, das Polizeiauto und ein zerknirschter, aber grinsender Patrick steigt aus. In der nächsten Bar bei Mezcal und Pulque erzählen Patrick und David: Im Polizeiauto wurde es richtig ungemütlich für Patrick. Mit der Drohung, ihn aufs nächste Polizeirevier zu bringen, fuhr der Wagen nur einige Strassen weiter, wo sich der Beamte zu Patrick auf die Rückbank setzte und ihm kurzerhand in die Hosentasche griff, um sein Portemonnaie zu stehlen. Obwohl Patrick seinen Geldbeutel beherzt verteidigte, war nun klar, dass er Geld dabei hatte. Nach langem Feilschen wie auf dem Basar war die Polizei mit 500 Pesos (25.-) zufrieden. Ironie des Schicksals: da David nichts von dem bereits erfolgten Deal wusste, steckte auch er der Polizei 500 Pesos zu! Wir kommen uns vor wie Anfänger - und dennoch können wir darüber lachen. Zugegeben, Patrick braucht ein, zwei Pulques dafür…


In den kommenden Tagen bestellen wir neue Lonely Planets, durchstöbern Couchsurfing und bereiten uns auf die bevorstehende Reise nach Asien vor. Wir freuen uns auf ein neues Kapitel; obwohl dies gleichzeitig bedeutet, Abschied zu nehmen von einem Erdteil, der eineinhalb Jahre unser Zuhause war. Und während wir unsere letzen Tage mit Ausflügen in die Wälder von Tepoztlan und der Desierto de los Leones verbringen, Juan und Momo mit Tränen in den Augen verabschieden, müssen wir immer wieder an unser Erlebnis mit der Polizei denken. Denn egal, wie sehr wir uns noch ärgern oder bereits darüber witzeln: mit grosser Dankbarkeit denke ich stets an den Zettel, auf welchem wir unsere Beziehungsressourcen festgehalten haben. Da steht nämlich: „Wir sind gut darin, zusammen Abenteuer zu bestehen.“



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