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„Ich muss hier nicht auf jeden Vulkan rennen“

Gesponsert von meiner Tante Andi (und ihrem Mann Peter), weil ich beim Aufstieg auf Berge oft daran denke, wie sich die beiden kennenlernten. Dann muss ich schmunzeln und frage mich stets, ob es eine Bollinger-Manier ist, dass man verbissen auf Berge rennt (oder bis zum Umfallen im Garten ackert) ohne mit der Wimper zu zucken.


Wir stecken bestimmt schon zehn Tage beim Mechaniker in Palin fest (siehe Blogbeitrag vom 7. November 2022), als Patrick mir auf der Karte die unzähligen Vulkane Guatemalas präsentiert. Er hat sich über Vulkanwanderungen informiert; denn wie es scheint, ist Willys Motor noch länger nicht wieder flott. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, da ich mich ein wenig krank fühle. Dennoch höre ich Patricks Ideen an und - mit gemischten Gefühlen meinerseits - beschliessen wir, am nächsten Tag auf den Volcan Agua zu steigen. Als morgens um 5 Uhr der Wecker klingelt, kommt mir Patricks Morgenmuffelei entgegen: In der Nacht habe ich mich über die bevorstehende Wanderung informiert und fühle mich unsicher. Offenbar soll es auf dem menschenleeren Pfad schon oft zu Überfällen gekommen sein. Also beschliessen wir, liegenzubleiben. „Weisst du“, sage ich, bevor wir weiterschlafen, „ich muss da nicht auf jeden Vulkan rennen.“


Wenige Stunden später stehen wir mit erhobenem Daumen am Strassenrand. Unser Ziel: Ein Vulkan namens Pacaya, der leichter  - und sicherer - erreichbar sein soll. Auf der Ladefläche eines alten Transporters dürfen wir bis zum Fuss des Vulkans mitfahren. Leider erweist sich die Information, die wir haben, als richtig: Auf den Vulkan darf man nur mit Guide. Unsere Verhandlungskünste nützen nur bezüglich Preisnachlass; schliesslich müssen wir uns Joses Führung und seinem Tempo beugen. Die Landschaft ist beeindruckend. Eine schwarze Mondlandschaft breitet sich vor uns aus: mancherorts hat sich das erstarrte Lava zu mannshohen Türmen formiert, an anderer Stelle ist das poröse Gestein mit knallfarbigen Ablagerungen oder dampfenden Löchern gespickt. Und spätestens als Jose in seine Tasche greift, Holzspiesschen und Marshmallows hervorholt, die wir über dem heissen Gestein braten, hat auch mich das Vulkanfieber gepackt.


So befinden wir uns einige Tage später am Fuss eines weiteren Vulkans, des Tajumulco. Lange vor Sonnenaufgang sind wir aufgestanden, aus der Unterkunft geschlichen und mit dem Bus zum Startpunkt der Wanderung gefahren. Als wir loslaufen, dämmert es. Der Aufstieg ist steil und die eiskalte, trockene Luft macht das Atmen schmerzhaft. Doch bald geht die Sonne auf und bei herrlicher Aussicht packen wir unser Frühstück aus. Knappe zweieinhalb Stunden später stehen wir auf dem höchsten Punkt Zentralamerikas und blicken auf ein Wolkenmeer hinunter, aus welchem hie und da eine Bergspitze ragt. Ehrfürchtig und stolz machen wir uns auf den Rückweg durch die erodierte Staublandschaft.


Zunil heisst der Vulkan, den wir drei Tage später erklimmen. Diesmal führt der steile Weg durch Nebelwald, der mit zunehmender Höhe trockener und trockener wird. Wir geniessen den dschungeligen Weg, die kuriosen Pflanzen und Geräusche des Waldes, die wunderschöne Aussicht vom Gipfel; wieder unten angekommen, entspannen wir unsere müden Körper im heissen Wasser der Thermalquellen. Und noch am selben Abend fahren wir zum nächsten Vulkan, wo wir im Garten einer Bauernfamilie unser Nachtlager aufschlagen dürfen. Frühmorgens machen wir uns an den Aufstieg: der erste Teil führt durch landwirtschaftlich geprägte Hügel, bevor sich der immer steiler werdende Weg durch Kiefernwälder windet. Der letzte Abschnitt ist ausgetreten - und daher schlammig. Wir leiden ein wenig, weil uns immer wieder Touristengruppen entgegenkommen, welche die Nacht auf dem Gipfel verbracht haben. Und wir sind irritiert ob der vielen anfeuernden Zurufe, die zwar uns gelten, einige unter den Anfeuernden jedoch dringender gebraucht hätten: Kreischend und aneinanderklammernd wagen sie sich kaum, die rutschigen Steine hinunterzusteigen. Auf dem Gipfel, der sich als Geröllebene erweist, treffen wir auf grosse Gruppen Einheimischer, die um Feuerstellen stehend in Maya-Rituale vertieft scheinen. Irgendetwas ist jedoch sonderbar - immerhin beobachten wir nicht zum ersten Mal Rituale von Einheimischen. Anstatt mit Copal (Baumharz), Wurzeln und Kräutern zu räuchern oder mittels traditionellen Instrumenten und Liedern Kontakt zur Geisterwelt aufzunehmen, werden wir hier Zeuge flehender und schluchzender Menschen. Und dann sehen wir sie: die hoch erhobene Hand mit der Bibel, die strafend über den Menschen zu schweben scheint. Wir hören die Stimme des Mannes, der seine Schäfchen zur Busse anhält. Und einmal mehr können wir kaum glauben, wie weit der Evangelikalismus Fuss gefasst hat in Zentralamerika. (Guatemala hatte von 2016 bis 2020 mit Jimmy Morales sogar einen öffentlich bekennenden Evangelikalen.) Für unser Picknick finden wir zum Glück ein ruhiges Plätzchen und freuen uns an der wunderschönen Aussicht auf den rauchenden Santiaguito.


Unser grösstes Vulkanabenteuer startet gut eine Woche später. Mit Patricks Schwester Anita, die uns für drei Wochen besucht, wagen wir den Backpacker-legendenumwobenen Aufstieg auf den Acatenango. Das Beste daran: dank unserer guatemaltekischen Freundin Luisa können wir die Tour individuell machen und müssen uns nicht einer Gruppe im Gänsemarsch anschliessen. Sie hat ein eigenes Tourenunternehmen und organisiert uns sowohl einen Stellplatz für unser Zelt im Basecamp als auch Anitas Ausrüstung. Der Aufstieg ist auch diesmal wunderschön und anstrengend und der Weg wechselt von trocken-staubig zu Nebelwald zurück zu trocken-felsig. Beim Basecamp sind wir die ersten. Wir sind überglücklich, den Berg und die Aussicht vorerst in Ruhe geniessen zu können (in den Hängen befinden sich mindestens noch 15 weitere Basecamps). Denn diese sind einmalig: in Abständen von gut 20 Minuten sieht man den Zwillingsvulkan Fuego Gestein, Lava und Asche speien. Nachdem wir unser Zelt aufgestellt, gepicknickt und uns in der Sonne ausgeruht haben, machen wir uns auf den Sonnenuntergangsweg. Dafür müssen wir ein Stück des Acatenango hinuntersteigen, bevor wir uns auf seinem Zwilling Fuego näher an den speienden Krater wagen. Welch ein Spektakel uns erwartet, werde ich nie vergessen: während im Westen ein leuchtend-roter Sonnenball untergeht, steht im Osten ein Vollmond aus Pergament. Je stärker die Dämmerung zunimmt, desto eindrücklicher erscheinen das glühende Gestein und der Lavastrom, der sich nun bedrohlich nahe und unermüdlich über den Berg ergiesst. Als es dunkel ist und unsere steif gefrorenen Finger am Kameraauslöser nicht mehr gehorchen, klettern wir zum Basecamp zurück. Am Feuer einer Gruppe dürfen wir uns aufwärmen und erst als es langsam erlischt und es zu kalt wird, können wir uns vom Anblick des feuerspeienden Berges lösen. Erschöpft kriechen wir ins Zelt. In der Nacht werde ich kurz wach, weil ich durchgerüttelt werde und Schreie, Rufe und Weinen höre. „Ach, der Vulkan“, denke ich benommen, drehe mich zur Seite und schlafe weiter. In aller Frühe klingelt unser Wecker und wir quälen uns in Dunkelheit und Eiseskälte aus dem Zelt. Für den Sonnenaufgang steht der letzte Abschnitt auf den Gipfel des Acatenango an. Weil ich ungeduldig (und verbissen) bin und fürchte, den Sonnenaufgang zu verpassen, trennen wir uns für den Aufstieg. Der weltbeste Patrick bleibt unterstützend und motivierend bei Anita. Als ich den Gipfel kurz vor 6 Uhr erreiche, zieht sich bereits ein goldenes Band über den östlichen Himmel. Alle zusammen schauen wir wenig später zu, wie die Sonne über die Berggipfel klettert. Das vorabendliche Spektakel scheint sich in umgekehrter Richtung zu wiederholen: Während die Sonne erscheint, verschwindet der Mond und mittendrin erscheint regelmässig eine glühende Vulkanspitze. In der eisigen Kälte haben sich absurderweise einige leichtbekleidete Hochzeitspaare für Fotoshootings aufgestellt. Ein wenig belustigt (aber durchaus auch beeindruckt ob Kälte und Wind) beobachten wir sie. Beim Abstieg sind wir wesentlich entspannter: während die Sonne uns langsam wärmt, rennen wir die letzten staubigen Schotterhänge hinab und fühlen uns wie auf der Skipiste. Beim Frühstück vor dem Zelt fällt das Gespräch dann plötzlich auf den nächtlichen Zwischenfall und einige Guides bestätigen, dass uns nicht der Vulkan, sondern ein Erdbeben wachrüttelte.

Als wir an diesem Abend müde und zufrieden mit einem Drink im Sky Café in Antigua sitzen und auf unser Abenteuer anstossen, sind wir uns einig: Vulkane sind grossartig! „…und an der Verbissenheit lässt sich noch arbeiten“, denke ich, während ich zuschaue, wie der Fuego sein Lava wieder und wieder in die Dunkelheit speit.


Ps. An dieser Stelle ebenfalls ein offizielles Sorry an Philip, der seit meiner Vulkan-Begeisterung mit Vulkanvideos und -fragen gespamt wird… Wir schätzen deine Expertise!




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