El Mozote oder warum es sich lohnt, sich selbst treu zu bleiben

„Am Freitag dem 12. Dezember begannen sie. Um fünf Uhr morgens kamen sie, um die Leute aus den Häusern zu holen und sie um den kleinen Platz vor der Kirche zu versammeln. Dort töteten sie die Kinder (…) Später wurden die Männer getötet. Um zwei Uhr nachmittags nahmen sie sich die Jungen vor, die sie auf einen Hügel brachten. Die Mädchen vergewaltigten sie, bevor sie sie umbrachten. Und die gefesselten Jungs wurden danach getötet.“


Es ist der 31. Dezember 1981 als Rufina Amayas Stimme aus dem improvisierten Studio von Radio Venceremos tönt. Der Sender ist das Sprachrohr der kommunistischen Guerillas (FMLN), die im salvadorianischen Bürgerkrieg gegen die Regierung kämpfen. Auch wenn es bereits Gerüchte gibt; an diesem Tag hört El Salvador zum ersten Mal die Frau sprechen, deren Mann und vier Kinder zusammen mit sämtlichen Dorfbewohnern umgebracht wurden. Und es wird weitere 31 Jahre dauern, bis das Massaker als solches anerkannt wird. Bis es als sicher gilt, dass es von - in den USA ausgebildeten - Regierungstruppen ausgeführt wurde. Und bis sich Mauricio Funes, der damalige Präsident El Salvadors, für die Verbrechen entschuldigt.


In den 31 Jahren hört Rufina Amaya mit dem Erzählen nicht auf. Das Massaker von El Mozote schafft es auf die Titelseiten der New York Times und der Washington Post. Ebenso berichten Zeitungen aus der DDR darüber. Nachdem die salvadorianische Regierung das Massaker jedoch bestreitet, entscheidet sich der Westen, es ihr gleichzutun. Immerhin wird der Bürgerkrieg massgeblich von den USA mitfinanziert, um die „kommunistische Gefahr“ zu bannen. Also wird Amaya der Lügen gestraft und El Mozote als FMLN-Propaganda verurteilt. Dennoch: Als der Bürgerkrieg 1992 zu Ende ist, erzählt Amaya noch immer. Und erstmals beginnt sie, Menschen zum Ort zu führen an welchem das Unfassbare geschah.


Patrick und ich besuchen El Mozote am zweiten Tag unserer Ankunft. Nicht mehr als eine Gedenktafel mit den Namen der Opfer über dem Gemeinschaftsgrab, welches als solches kaum erkennbar ist, erinnert an das Massaker. Dennoch ist El Mozote auch heute noch überall: An unserem ersten Abend in El Salvador als uns eine in den USA lebende Salvadorianerin an einem winzigen Markt zum Pupusas-Znacht einlädt und erzählt. Im Regionalmuseum in Perquin als wir durch rekonstruierte Guerillatunnels kriechen. In den unzähligen Museen und Galerien San Salvadors, in den Kirchen, von deren Wänden uns der heiliggesprochene Oscar Romero anschaut. Ebenso auf unserem Weg, der uns von Thermalquellen, giftgrünen Schwefellagunen und Wasserfällen durch Vogelparadiese, Vulkanlandschaften, Weberei-, Keramik- und Indigo-Städtchen bis zu Maya-Ruinen führt. Und selbst in alltäglichen Gesprächen auf der Strasse oder an Tankstellen, an denen wir übernachten.

Auch dieses Jahr durfte ich erfahren, wie nah Schreckliches und Wundervolles zusammenliegen. Während ich diese Zeilen über El Salvadors blutige Geschichte schreibe, rauschen um mich herum hundert paradiesische Wasserfälle. Und ich frage mich, was mich an Rufina Amaya inspiriert, dass ich euch an Weihnachten von Bürgerkriegen dieser Erde berichte. Ich denke, es ist ihr Wille, ihr unerschütterlicher Glaube für das Richtige einzustehen und sich selbst treu zu bleiben. Als sie in einem der unzähligen Interviews gefragt wurde, weshalb sie weitererzählte, obwohl ihre Geschichte bezweifelt wurde, sagte sie: „Während ich mich hinter den Bäumen versteckt hielt, machte ich einen Deal mit Gott. Wenn ich entkomme, werde ich die Geschichte des Massakers bis ans Ende meines Lebens erzählen.“

Und das tat sie. Im Gemeinschaftsgrab von El Mozote befindet sich seit 2007 ein weiteres - jenes von Rufina Amaya. Sie ist zu den Ihrigen zurückgekehrt.


In diesem Sinne wünschen wir euch von Herzen besinnliche Weihnachten. Möge euer neues Jahr voller Selbsttreue sein.

Wir drücken euch lieb und denken in diesen letzten Tagen des Jahres besonders innig an euch. Weil ihr fehlt.


Patrick und Mirjam



Ps. Zum diesjährigen 40. Gedenktag von El Mozote produzierte das salvadorianische Institut zur Unterstützung der Frauen (ISDEMU) unter der Leitung von Brenda Vanegas ein Dok-Film mit dem Titel „Altares“ über das Massaker. Vielleicht ist er online erhältlich…



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