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Wie es drei Länder - oder eine ganze Reise - brauchte, um meine Eltern besser kennenzulernen

Aktualisiert: 4. Juli 2023

Gesponsert von meiner Mamo (Mutter meines Vaters), die eine Inspiration für unsere ganze Familie ist und die ich schrecklich vermisse.


Als wir zum zweiten Mal in Guatemala einreisen, sind wir um einiges entspannter. Selbsterklärend, denn wir kommen ja direkt aus den honduranischen Ferien. Allerdings gefällt uns der menschenleere Peten so viel besser als die Mehrheit davon, was wir bisher in Guatemala kennengelernt haben. Antigua hat zweifelsohne eine schöne Altstadt mit vielen Cafés, aber auch ebensoviele Touristen. Am Lago de Atitlan haben wir die Hippie-Atmosphäre genossen; gleichermassen war es mir ein wenig zu szenig. Rio Dulce und Livingston sind zwar spannende, karibische Garifuna-Orte, aber ziemlich abgerockt. Da hat man es an der honduranischen Karibikküste bzw. auf den Inseln schöner. Semuc Champey war für mich eine Enttäuschung: eine touristische Hochburg mit überteuerten Hostels und Restaurants. Die Kalksteinpools sind zugegebenermassen hübsch, in Mexiko werden wir derer aber noch so viele sehen - und zwar menschenleer. Unersetzlich bleibt für mich unsere Zeit am Strand von El Paredon. Der kleine Fischerort zieht zwar Touristen an, hat seine Ursprünglichkeit bisher jedoch nicht verloren und die Welle ist nicht überfüllt. (Allerdings steht auch El Paredon kurz davor, ein szeniger Surfort zu werden. Vor einigen Monaten wurde der erste Surfshop eröffnet; neuerdings soll es sogar einen Bankomaten geben.) Ebenso sind die unzähligen Vulkanwanderungen (siehe Blogbeitrag vom 10. Januar 2023) und unsere Wanderungen im Hochland von Quetzaltenango, Huehuetenango und Chichicastenango einmalig und unvergesslich: dort können wir in untouristische Täler und Dörfer eintauchen, den Alltag der Menschen beobachten, die Natur, Tiere und unser einfaches Leben mit Wanderschuhen und Zelt geniessen und am Lagerfeuer Geschichten und Essen mit Einheimischen austauschen.


Der Peten ist Guatemalas grösstes Departement, gleichzeitig ist es der am dünnsten besiedeltste Landesteil. Das tropische Tiefland gilt als Ursprungsgebiet der Mayas - dementsprechend erstaunt es kaum, dass sich einige der eindrücklichsten Mayaruinen im Peten befinden. Auch wenn der Urwald durch Brandrodung gefährdet ist, leben im dichten Dschungel der Nationalparks auch heute noch Jaguare und Pumas. Bevor wir uns den Maya-Ruinen widmen, entscheiden wir, die Wasserläufe des Petens zu entdecken. Somit verbringen wir die erste Nacht und den nachfolgenden Tag bei den Wasserfällen „Las Conchas“. Am Abend platzieren wir Willy an einem kleinen See neben Felix und Amy, einem deutsch-finnischen Pärchen. Wir geniessen das Kochen, Bändeli knüpfen, Yoga und die Ruhe, da wir tags darauf planen, nach Flores - der Hauptstadt des Peten - zu fahren. Wir wissen aus Erfahrung, dass Stadtbesuche mit Willy stressig sein können; die Nächte auf öffentlichen Parkplätzen sind heiss und laut. Flores ist ein besonderer Ort: die bunte Altstadt drängt sich auf einer kleinen Insel im Lago Peten Itza und ist mittels Damm ans Festland angebunden. Für mich ist es Liebe auf den ersten Blick. Am Seeufer befinden sich herzige Cafés und weil es so heiss ist, springen wir in den See. Am Steg sitzt eine Gruppe Badender, Kinder plantschen im Wasser, Menschen mit Glacé schlendern vorüber. Unwillkürlich muss ich an all die Sommertage am See in Zürich, am Rhein in Basel und Schaffhausen denken. Weil uns Flores so gut gefällt, bleiben wir auch am nächsten Tag. Nur für die Nacht ziehen wir um: Wie zu erwarten, haben wir wenig geschlafen. Zwar konnten wir vom Bett aus Feuershows vor den Restaurants anschauen, aber es wurde bis spät in die Nacht gefeiert. Im Nationalpark Cerro Cahui bietet uns der Parkwächter für die nächsten zwei Tage Obdach. Die Nächte im Wald sind fantastisch: wunderschöne Sternenhimmel beim Konzert tausender Zikaden, Frösche und Brüllaffen. Tagsüber wandern wir durch den Dschungel und das Wochenende verbringen wir mit trinkfreudigen Guatemalteken am Lago Peten Itza. Danach sind wir bereit für Kultur: Wir machen uns auf zur Ruinenstätte Uaxactun. Der Ort ist so herrlich verlassen, dass zwei Ruinengruppen für uns unauffindbar bleiben. Ich geniesse den Sonnenuntergang auf der höchsten Ruine, während ich dem einzigartigen Gesang des Montezuma Oropendola (Montezumastirnvogel) lausche. Am nächsten Tag fahren wir lange vor Sonnenaufgang zu einer der bekanntesten Ruinen - Tikal. Die Ankunft ist magisch: der gesamte Ort ist in Nebel getaucht. Während eine Gruppe Nasenbären eifrig im Sand nach Ameisen sucht, stolzieren wunderschöne Pfauentruthühner unter dem ständigen Gesang von Brüllaffen umher. Wir machen uns auf den Weg zu den imposanten Ruinen und gerade als wir die beste Aussicht über den Dschungel auf einen der Haupttempel haben, verziehen sich die Nebelschwaden. Welch eine Landschaft sich vor uns ausbreitet! Obwohl Tikal als eine der grössten Tourismusattraktionen Guatemalas gilt, verteilen sich die Besucher auf dem riesigen Gelände und wir geniessen den verwunschenen Park in vollen Zügen. Als wir am Nachmittag erschöpft und überhitzt im See baden, sind wir uns einig, dass wir uns keinen schöneren Abschied von Guatemala hätten wünschen können.


Belize leitet ein neues Kapitel für mich ein. Seit ich mich in Nicaragua begann mit meiner Kindheit und Familienprägungen auseinanderzusetzen, seit ich dank Schematherapie Fragmente meiner Vergangenheit aufarbeiten konnte - immer fehlten zwei wichtige Puzzleteile. Diese beiden Puzzleteile entscheide ich mich in den folgenden Wochen anzugehen: Ich möchte meine Eltern zu ihrer eigenen Lebensgeschichte befragen. Ich möchte verstehen, woher sie kommen, was sie in ihrer Kindheit prägte. Ich möchte wissen, welche Deutung sie ihrem bisherigen Leben geben; möchte wissen, was sie zu den Menschen gemacht hat, die sie heute sind. Vor allem aber will ich ihnen eine Stimme geben. Ich möchte ihnen zuhören. So wie sie mir jahrelang zugehört haben. Und gleichzeitig weiss ich, dass ich mich selbst besser verstehen werde, wenn ich ihre Geschichten kenne.

Belize ist der geeignete Ort, in sich zu kehren. Zwar habe ich anfangs gemischte Gefühle, stelle ich mir das Land komischerweise als Kreuzfahrt- und Luxusdestination US-amerikanischer Touristen vor. So gut mir Honduras gefallen hat: ein zweites Roatan ist nicht das, was ich mir im Moment wünsche (siehe Blogbeitrag vom 30. Juni 2023). Wie falsch ich mit meinen Vorurteilen liege, zeigt sich bereits kurz nach unserer Einreise. Nachdem wir die Ruinen von Xunantunich besucht haben, suchen wir uns am nahen Fluss einen Schlafplatz. Mit Steinen stauen wir uns einen kleinen Pool, wo wir unser Welcome-Belize-Bier trinken. Die nächsten zwei Tage verbringen wir auf einem gemütlichen Campingplatz in San Ignacio, wo ich die Ruhe finde, viele Stunden mit meinem Papi zu telefonieren. Gemeinsam schlängeln wir uns von seiner Kindheit durch seine jungen Erwachsenenjahre bis wir bei Hochzeit und Geburt von uns Kindern landen. Wir sprechen über Erziehung, über Werte und Glaubenssätze. Manche Erinnerungen meines Vaters kenne ich, andere Geschichten sind neu - und unerwartet. Ich stelle Fragen - viele Fragen - und versuche gleichzeitig, mich aufs Zuhören zu fokussieren. Es ist mir wichtig, meinen Vater zu verstehen - nicht über meine Perspektive (soweit ich diese überhaupt ablegen kann), sondern mittels seiner Selbstdefinition.

In den Hügeln des Mountain Pine Ridge Forest Reserve habe ich Zeit, die Interviewstunden zu überdenken. Wir wandern, baden in Wasserfällen, erkunden Höhlen und Flussufer und am Abend schlafen wir mal in einer verlassenen Siedlung mitten im Kiefernwald, wo uns ein Ranger Gesellschaft leistet, mal bei einer verlassenen Schlosserei. Sogar Belizes Hauptstadt Belmopan ist verlassen. Es ist so ruhig, dass ich ein letztes Mal zum Handy greife und meinen Vater interviewe. Einige Fragen sind noch unbeantwortet. Als wir an diesem Abend zum Blue Hole Nationalpark fahren und ich das Abendessen vorbereite während Patrick joggt, bin ich erschöpft, aber glücklich. Die vielen Interviewstunden haben mir meinen Vater um Vieles näher gebracht. Manche meiner jahrelanger Annahmen haben sich als verzerrt erwiesen: ich habe meinem Vater mancherorts unterstellt, dieser oder jener zu sein; ohne ihm Raum zu lassen, sich anders zu zeigen. Manchmal wollte ich meinen Vater so sehen, manchmal habe ich ihn missverstanden. Durch das Erzählen meines Vaters schloss sich so manche Lücke. Ich wurde hellhörig, interessiert, konnte akzeptieren. Ich konnte meinem Vater auf Augenhöhe begegnen und obwohl wir stets ein relativ unproblematisches Verhältnis zueinander pflegten, brachte mich sein Erzählen so nah an sein Herz wie selten etwas.

Am nächsten Tag geniessen wir den Nationalpark und bekommen einen ersten Vorgeschmack darauf, was uns Mexiko an Cenotes (eingestürzte Kalksteinhöhlen, in denen türkisblaues Grundwasser paradiesische Badeerlebnisse ermöglicht) bieten wird: im Blue Hole versuchen wir, so weit wie möglich in die Unterwasserhöhlen zu tauchen, was dank des glasklaren Wassers einfach ist. In der Mennonitensiedlung Springfield kaufen wir den besten Roquefort seit Frankreich und fühlen uns an die Zeit in Paraguay zurückerinnert (siehe Blogbeitrag vom 24. Mai 2021). Den lebendigsten Ort finden wir in Belize-City und wir geniessen es, ein geöffnetes Museum zu finden und eine Galerie besuchen zu können. Beide Institute setzen sich mit der Geschichte der Sklaverei in Belize auseinander. Denn: Obwohl das Land im 16. Jahrhundert - wie all seine mittelamerikanischen Nachbarn - von den Spaniern kolonialisiert wurde, war es gleichermassen Interessensgebiet der britischen Krone und somit heiss umkämpft. Dabei lag der wirtschaftliche Fokus Belizes hauptsächlich auf Tropenholz, welches ab dem 18. Jahrhundert im grossen Stil gewonnen wurde. Mit der Waldarbeit einher ging die Einschiffung afrikanischer Sklaven, die die Schwerstarbeit des Flössens leisteten. In der Schlacht von St. George‘s Caye 1798 fiel Belize schliesslich den Briten zu, unter deren Hand es erst 1981 (!) in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Am augenscheinlichsten tritt Belizes Geschichte in Form der englischen Sprache und dem grossen Anteil seiner dunkelhäutigen Bevölkerung (Kreolen und Garifuna als ehemalige karibische Sklaven) zu Tage.

Am Markt von Belize-City essen wir die besten Johnny Cakes (siehe Rezepte Belize), bevor wir zu Roberto nach Crooked Tree fahren. Roberto ist der sanfteste, liebste Mann in ganz Belize. Er zeigt uns unseren Stellplatz für die Nacht unter Hunderten von Cashewbäumen. Dann schliesst er eines seiner hübschen Bungalows auf, damit wir das Bad benutzen können. Nach einer heissen, mückenreichen Nacht lädt er uns am nächsten Morgen zu Kaffee in seinem wunderschönen Kolonialhaus ein. Wir plaudern über die Cashew-Produktion in Crooked Tree und als wir die Architektur seines Anwesens loben, erzählt er stolz, dass er das Haus eigenhändig gebaut hat. Während des Gesprächs muss ich unentwegt an Tarantinos Django Unchained denken: sowohl Robertos Aussehen, als auch seine Körpergrösse und Gelassenheit sind der von Django nicht unähnlich. Und als ich die leere Tasse zurück in seine riesige Küche bringe, stelle ich mir vor, wie sich Roberto das Kolonialhaus seiner einstigen Peiniger unter den Nagel riss. Zufrieden lächle ich.

Nachdem wir an der verlassenen Lagune des Crooked Tree Vögel beobachteten und uns mit unzähligen Schneckenhäusern in Naturkunst übten, verbringen wir den letzten Tag in Orange Walk und Corozal, wo wir abermals neben Felix und Amy übernachten.

„Oh, oh, oh, oh, oh! I wanna go - to Mexico!“, singen wir am nächsten Tag lauthals mit Mar Malade während wir an die Grenze fahren. Wir haben es fast geschafft: wir sind mit Willy durch jedes zentralamerikanische Land gefahren! Die Einreise nach Mexiko gestaltet sich problemlos; allerdings wird uns die Information bestätigt, dass wir mit unseren Fahrzeugpapieren nur bis nach Quintana Roo fahren dürfen. Dieser Hürde wollen und können wir uns allerdings nicht heute widmen; aber wir haben sowieso im Sinne, die nächsten Tage in Grenznähe zu verbringen. Kaum sind wir in Mexiko, treffen wir ein altbekanntes VW-Büssli: Felix und Amys Bully steht am Strassenrand. Von Felix selbst sind nur die Füsse zu sehen, die unter dem Fahrzeug hervorlugen. „Panne!“, schiesst es uns durch den Kopf und kurzerhand schleppen wir die beiden im Büssli zum nächsten Mechaniker. Am Abend treffen wir uns an einer schönen Lagune; ihr Bully ist zum Glück wieder flott.

Der Familiengeschichte meiner Mutter widme ich mich am nächsten Tag, als wir zur Cenote Azul fahren. Während Patrick sich um unsere Fahrzeugpapiere kümmert und im Wasser tollt, rufe ich mein Mami an. Die Kindheit meiner Mutter ist mir bekannter als die meines Vaters. Obwohl beide Elternteile meinen Geschwistern und mir immer wieder von ihrem Aufwachsen erzählten, wusste ich um die familienspezifischen Gefühle meiner Mutter eher Bescheid. Und dennoch erfahre ich an diesem Nachmittag Neues, bisher Unbekanntes; weil mich meine Mutter in die Seele ihrer Kindheit blicken lässt. Am überirdisch türkisblauen Lago Bacalar denke ich über das Erzählte meiner Mutter nach. Sie hat viel über ihre eigenen Eltern und deren Familienprägungen berichtet. Während mein Vater eine sehr behütete Kindheit genoss, gestalteten sich die Familienverhältnisse meiner Mutter komplizierter. Ihre Deutungen und Schlussfolgerungen leuchten mir ein und setzen weitere Puzzleteile zusammen. Und als ich mir meine Eltern als kleiner Urs und kleine Roswitha vorstelle - in ihrer kleinen Welt aus Freuden und Sorgen - bin ich tief berührt.

So sehr Patrick und ich Bacalar geniessen: wir müssen zurück an die Grenze, um unsere Fahrzeugpapiere für das gesamte Land einlösen zu lassen - und - wir haben Erfolg. Die Abende am See verbringen wir an einem öffentlichen Steg, wo wir baden, sonnenbaden, kochen und mit unserem obdachlosen Nachbarn schwatzen. Von einem Pärchen, das wir in El Paredon, Guatemala, kennengelernt haben, wird uns das kleine Dorf Mahahual an der Karibikküste empfohlen. Vorerst sind wir unsicher, wissen wir doch, dass sich saisonal Sargassum - nach faulen Eiern stinkende Braunalgen - an den paradiesischen Stränden ansammelt. Da wir seit Roatan jedoch nicht mehr länger als zwei Tage am selben Ort waren, entscheiden wir dennoch, einige Tage in Mahahual zu bleiben; Algenplage hin oder her. Nur wenige Stunden später stehen wir in der Küche von Mike und Cecilia und versuchen einen guten Preis für ein kleines Holzbungalow auszuhandeln (von Zeit zu Zeit braucht Patrick Abstand von heissen und mückenreichen Nächten in Willy). „Ich geb euch euren Preis“, ruft Cecilia, „aber dafür müsst ihr jeden Tag eine Stunde lang Algen vom Strand schaufeln.“ Ironie des Schicksals: Innerhalb der nächsten Woche freunden wir uns nicht nur mit unseren Nachbarn, sondern und gezwungenermassen auch mit Sargassum an. Ich lerne, dass die stinkende Alge in den vorliegenden Mengen zwar zum Problem wird, grundsätzlich aber für Fische, Krabben und Schildkröten als Lebensraum von grosser Bedeutung ist. Vor rund zehn Jahren startete das ungewöhnliche Wachstum von Sargassum: 2018 konnte mithilfe von Satelliten ein 8850 Kilometer langer Algengürtel identifiziert werden, der aus über 20 Millionen Tonnen Biomasse bestand! Teppiche solchen Ausmasses führen dazu, dass sich Meeresbewohner in den Pflanzen verheddern oder Schildkröten daran gehindert werden, an Land ihre Eier zu legen. Der Grund für das gigantische Wachstum: steigende Temperaturen und der Zufluss landwirtschaftlicher Abwässer. Ende der Woche habe ich zwar Blasen an den Fingern, aber weder rieche ich den faulen Gestank, noch ekle ich mich, durch die Algen zu stapfen. Dennoch: mit unseren Nachbarn freunden wir uns wesentlich mehr an. Es ist Ostern, als wir in Mahahual eintreffen. Massimo, Julio und Mike sitzen mit Bier in der Küche und wir schliessen uns an. Der Abend wird lang und auch in den nächsten Tagen geniessen wir es, mit einer kleinen, zusammengewürfelten Familie zu diskutieren und zu kochen. Wie schon häufiger auf dieser Reise fühlen sich Patrick und ich dabei wie Eltern, die ihren Schützlingen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Massimo, einen Schweizer Aussteiger, versorgen wir morgens mit Frühstück und Abends hören wir seinem Kummer zu. Chola, Julios liebste Golden Retriever Hündin, bekommt Leckerlis, während Alberto aus Italien, der das Tauchbrevet macht und ebenfalls Vegetarier ist, sich den Bauch mit unseren selbstgemachten libanesischen Spezialitäten vollschlägt. Am Strand klettert Patrick auf Palmen und versorgt die ganze Unterkunft mit Kokosnüssen, während ein weinender Julio von seiner Frau erzählt, die ihn verlassen hat. Trotz der Involviertheit in unsere „Mahahual-Familie“ bleibt mir Zeit, mich meiner eigenen Familie zu widmen und das Interview mit meiner Mutter abzuschliessen. Beim Sargassum schaufeln, beim Schnorcheln und Pancakes backen denke ich über ihre Worte nach. Obwohl die Selbstdefinition meiner Mutter und meine eigene Sichtweise auf sie weniger auseinanderklafften, als bei meinem Vater, erlangte ich durch die Stunden am Telefon auch für sie ein grösseres Verständnis. Mami weiss viel über ihre eigene Familie; eine Familie, die von Unruhen, Strapazen und Krankheiten gezeichnet war und in der meine Mutter sehr früh lernte, mittels eigener Kraft und Ideen Erfolge zu erzielen. Besonders spannend war es für mich, jeweils zwei unterschiedliche Geschichten über einschneidende Momente des gemeinsamen Lebens meiner Eltern zu hören: ihr Kennenlernen, der frühe Tod von Mamis Schwester, Papis Krebs - um nur wenige Beispiele zu nennen. Durch die unterschiedliche Erzählweise schälte sich heraus, was meiner Mutter und was meinem Vater wichtig ist. Und es gelang mir, mich selbst zwischen meinen Eltern zu verorten. Denn nebst gemeinsamen Chrakterzügen und Werten, die sie uns Kindern stets vermittelten - wie Grosszügigkeit, Gastfreundschaft, soziale Gerechtigkeit, Altruismus und Verantwortung gegenüber der Umwelt - liegt jeweils eine Rohversion Mami und eine Rohversion Papi vor. An meinem Vater schätze ich seine Diskussionskultur, die sorgfältigen Analysen und seine Genussfreudigkeit. Mit ihm kann ich stundenlang bei gutem Rotwein sitzen und über Politik, Geschichte, Philosophie - und neuerdings sogar respektvoll über Religion - diskutieren. Wir beide interessieren uns für die grossen Fragen des Lebens. Diese Vorliebe hat zur Folge, dass ich mich seit dieser Reise sehr viel häufiger in Diskussionen mit Männern wiederfinde; da es leider (noch) keine Selbstverständlichkeit auf dieser Welt ist, dass sich Frauen für mehr als Haushalt, Kindererziehung und Mode interessieren (dürfen). Doch davon ein anderes Mal. Kurz: Mein Vater und ich sind uns sehr ähnlich. An meiner Mutter schätze ich ihre grosse Kreativität, ihre Verrücktheit und ihre Art, Liebe und Zuneigung auszudrücken. Vor allem aber bewundere ich ihren Mut, eigene Wege zu gehen. In meinen Augen war sie schon immer eine starke Frau. Meinen Eltern verdanke ich so viele meiner guten Seiten. Und über die schlechten Seiten durfte ich während dieser Reise lernen, dass es etwas vom Befreiendsten sein kann, sie offenzulegen: vor seinen Mitmenschen, vor allem aber vor sich selbst. Während ich jahrelang damit beschäftigt war, meine Schwächen zu verstecken, weil ich mich für sie schämte, habe ich etwas Grundlegendes verkannt: Schwächen machen uns liebenswert, denn sie machen uns menschlich. Und auch meine Eltern sind - einfach Menschen. Patrick und ich sind uns bewusst, dass wir jeweils zwei Rucksäcke tragen. In einem stecken unsere Wanderschuhe, unser Zelt, unser Schlafsack und unsere Campingküche. Im anderen befinden sich unsere familiären Prägungen und Traumas, unsere Errungenschaften und Verletzungen. Es lohnt sich, dem zweiten Rucksack Aufmerksamkeit zu schenken. Denn auch wenn wir ihn nicht ausräumen können, neu packen können wir ihn allemal.

Als wir an unserem letzten Abend in Mahahual mit einem Bier am Strand sitzen, erzähle ich Patrick vom letzten Interview mit meiner Mutter. „Weisst du, wer Mamis Vorbild ist?“, frage ich Patrick, ohne seine Antwort abzuwarten. „Meine Mamo. Mami sagt stets, dass sie bei Mamo Toleranz gelernt hat. Mamo hat vorgelebt, nicht zu verurteilen. Sondern einfach da zu sein, wenn man sie braucht.“



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