Vor zwölf Tagen sind wir zusammengezogen

Aktualisiert: 21. Sept. 2020

Im Café Vélo in Nevers feiern wir unsere ersten 600 Kilometer. Es gibt Tarte mit Ziegenkäse und Salat, dazu jede Menge britische Freundlichkeit. Ich bin glücklich, auch wenn der Tag mit viel Regen, verspanntem Nacken und Grübeln begann.

Glücklich zu sein habe ich in den letzten Tagen wiedererlernt. Jeden Tag konnten wir draussen frühstücken, von Örtchen zu Örtchen pedalen, während die Sonne unsere Haut brauner werden liess. Sooft es unser Weg zuliess, haben wir im Fluss gebadet und unsere Kleider gewaschen. Über dem Feuer kochten wir das beste Tomaten-Brennnessel-Risotto, in den lokalen Lädeli kauften wir die frischesten Pain au Chocolat, den fruchtigsten Kaffee und die knackigsten Rüebli. Am Abend legten wir uns in ein trockenes und warmes Zelt. Auf Kuhweiden, am Kanal, auf Felden, im Gras, an Picknickplätzen.


Und dennoch kämpfte ich. „Hand aufs Herz: Fühlst du dich wohl auf unserer Reise?“, fragte mich Patrick am Sonntag. Wir steckten mitten in einer von mir entfachten Diskussion, die ebenso unüberlegt wie unnötig war. Ich war irritiert. Immer hatte ich von dieser Reise geträumt. Ich hatte das letzte Jahr keine Festanstellung angenommen deswegen und jeden Cent dafür zusammengekratzt. Wie konnte ich mich also nicht wohl fühlen?

Die folgenden zwei Tage waren gezeichnet von Hochs und Tiefs, vielen Gesprächen, Gedanken und Eingeständnissen. Und der Erkenntnis, dass es Zeit braucht, auf einer Reise anzukommen.


Was mir das Glück zurückbrachte, war klein, schwarz-gelb, und trug einen Giftstachel. Und es verfing sich heute Vormittag hinter dem Glas meiner Sonnenbrille. Ich fühlte einen stechenden Schmerz im Augenlid, dann noch einen. Ich hörte meine Velopneus über den Asphalt schrammen. Und dann kniete ich irgendwie am Strassenrand und Patrick hielt mich fest. Ganz fest.


Wir sitzen vor dem Café und ich blinzle in die Sonne. Mit einem Auge, weil das andere zugeschwollen ist. Ich bin dankbar. Für die Sonnenstrahlen. Dafür, dass ich meine blauen Schrammen an den Beinen auch mit nur einem Auge sehen kann. Vor allem aber für Patrick, der im richtigen Moment das Richtige tut.






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