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Mexiko - eine Komödie in drei Akten. Erster Akt: „Oh, who doesn‘t like Mexico!“

Gesponsert von Roger, der weiss, was es bedeutet, Patrick in schwierigen Momenten zur Seite zu stehen.


Wir sitzen in der Küche von Axels Hostel in Guatemala-City und während ich überglücklich Brownies backe, plaudert Patrick mit den anderen Gästen. Axel hat uns erlaubt, einige Tage im parkierten Willy zu schlafen und dabei Gemeinschaftsräume und Küche seines Hostels zu benutzen. Wir fühlen uns wie zu Hause. Nick, ein kanadischer Backpacker kocht gerade Pasta, während Axel auf die ofenfrischen Brownies wartet. Das Gespräch fällt auf Mexiko. Alle der anwesenden Gäste haben Mexiko bereits besucht; alle schwärmen. Da reckt der kochende Nick seinen Kopf gedankenverloren in die Luft, die Augen träumerisch zusammengekniffen, ein Lächeln im Gesicht und es entfährt ihm: „Oh, who doesn‘t like Mexico!“


Ein halbes Jahr später müssen wir noch immer schmunzeln, wenn wir an die Szene zurückdenken. Und es bewahrheitet sich: auch wir lieben Mexiko. Die ersten drei Wochen verbringen wir vorwiegend in Meeresnähe: nach Mahahual fahren wir ins touristische Tulum, das uns unerwartet gut gefällt. Tagsüber entdecken wir die Mayaruinen, die spektakulär auf den Klippen über einem türkisblauen Meer thronen. Die Übernachtungen mit Willy gestalten sich nicht ganz eifach: In der zweiten Nacht, die wir im Nationalpark - nur wenige hundert Meter vom Meer entfernt - schlafen, werden wir von einem Ranger geweckt. Vans sind hier verboten, aber glücklicherweise dürfen wir bis am Morgen bleiben. Auch am nächsten Abend werden wir an unserem neuen Stellplatz vertrieben. Valladolid, Merida und Campeche sind wunderschöne koloniale Städte, wo wir es schaffen, Willy über Nacht so zu parkieren, dass wir inmitten der spektakulären Altstadtzentren schlafen. Wir geniessen das Essen in Markthallen, die bunten Häuserfassaden und die Kunstführung durch ein koloniales Anwesen; alles in allem sind die Städte jedoch - wie so oft in Zentralamerika - noch wesentlich coronageschädigt. Das bedeutet, dass Institute und Museen oftmals geschlossen sind und kulturelles Angebot und Nachtleben noch immer auf Sparflamme laufen. Auf der Yucatan-Halbinsel entdecken wir zudem eine neue Leidenschaft: Cenotes. Dabei handelt es sich um Kalksteinhöhlen, die durch den Einsturz der Höhlendecke als Loch vorliegen, das mit Süsswasser gefüllt ist - und in denen man herrlich baden kann. Die touristischen Cenotes schrecken uns ab, aber die Gegend hat unzählige Höhlen zu bieten, wobei manche - ganz nach unserem Geschmack - herrlich verlassen sind. Dabei liegt an jedem Ort eine ganz eigene Magie. Manche Höhlen sind niedrig und voller Stalaktiten und Stalagmiten. Andere haben eine kuppelförmige Decke mit Löchern, durch welche Sonnenstrahlen fallen. Einige Cenotes erreicht man nur durch einen unterirdischen Gang, einige sind offen und herrlich überwachsen, wobei Vögel in den Kalksteinlöchern nisten und Fledermäuse ihr Zuhause darin finden. In einer Cenote plantschen wir mit Kindern aus dem Dorf, bei einer anderen bleiben wir zwei Tage, beobachten Falken und Motmots, Riesenechsen und Fische und in der Nacht werden wir wach von Tiertapsern auf dem Autodach. In dem kleinen Dorf Pomuch nahe Campeche begeben wir uns auf die Spuren des Dia de los Muertos. Auf dem Friedhof liegen die Gebeine der Toten offen in Boxen, wobei die jeweilige Haarpracht erahnen lässt, wie sie einst ausgesehen haben. Einmal im Jahr werden die Skelette von den Angehörigen gereinigt, um den Verstorbenen zu gedenken.

Ich verliebe mich in den Golf von Mexiko, da er dieselben unfassbaren Farben wie die Karibikküste aufweist, im Gegensatz zu ihr aber herrlich ursprünglich ist: Stundenlang krokodile ich im seichten Wasser ohne eine andere Menschenseele und zur Siesta hängen wir unsere Hängematten zwischen die Palmen am Strand, wo Einheimische Fische verkaufen oder zu Mittag essen. In Ciudad del Carmen, einem Ferienort für Mexikaner schlendern wir abends am Malecon und essen zum ersten Mal Marquesitas - himmlisch knusprige Crepes, die wir uns mit Schokolade und Erdbeeren füllen lassen.

So schön diese ersten Wochen in Mexiko sind; frei von Sorgen sind sie keineswegs. Während Patrick Willy am liebsten sofort verkaufen würde, kann ich mir das Reisen ohne Van gar nicht mehr vorstellen. Dennoch weiss ich, dass unser Willy-Abenteuer in Mexiko zu Ende gehen wird. Diese Spannungen und Unsicherheiten begleiten uns Tag für Tag. Auf Patrick wirken sich die Strapazen des Van-Alltags und der Stress, Willy baldmöglichst loszuwerden, körperlich aus. Er ist oft angeschlagen, müde, gereizt und fühlt sich krank. Ich wiederum habe wenig Geduld und fühle mich oft alleine. In Ciudad del Carmen entscheiden wir spontan, zwei Nächte zu bleiben und auszuruhen. Erst am zweiten Tag haben wir wieder Energie, unser Hostelzimmer zu verlassen. Während ich am Strand Muscheln sammle und mich vom Meer verabschiede, probiert Patrick neue Makrameetechniken aus. Am Abend schaffen wir es nur bis zum Walmart-Parkplatz in Villahermosa, wo wir unsere Hängematten auspacken und beginnen, Abendessen zu kochen. Die nächsten Tage führen uns vom Bundesstaat Tabasco in Richtung Hochland von Chiapas. In Palenque besuchen wir die vielgelobten Mayaruinen. Obwohl die Stätte wegen der grossen Zahl an gut erhaltenen, detailreichen Gebäuden mit Sicherheit einzigartig ist, bin ich enttäuscht. Während unsere Aufmerksamkeit bei den Ruinen von Coba und Edzna den vielen Tunnels beziehungsweise den sonnenbadenden Leguanen auf der imposanten Akropolis galt, wird sie hier vom Touristenangebot eingenommen. Der kommerzielle Zirkus mit Autowäschern, Souvenirständen und Verpflegungsmöglichkeiten, der normalerweise - wenn überhaupt - ausserhalb der Ausgrabungsstätte stattfindet, geschieht in Palenque in aller Selbstverständlichkeit direkt vor dem Hauptpalast. Überall haben Verkäufer auf Tüchern am Boden ihre Pyramiden-Miniaturen, Tzolkin-Kalender aus Ton und Textilien, (vermeintliche) Maya-Instrumente und anderer Klimbim ausgelegt. Aus jeder Ecke grollt und quiekt es aus Tonpfeifen, die Jaguare oder Vögel zu imitieren versuchen. Ich bin maximal genervt. Das gute Museum bietet ein wenig Ruhe, allerdings bin ich froh, als wir den Ort - der ironischerweise als einer der magischsten gilt - hinter uns lassen. Am Wasserfall Misol-Ha lässt meine Unruhe nach: wir schwimmen bis unter den tosenden Fall und hinter ihm führt ein Pfad in eine schmale Höhle hinein. Geduckt waten wir durch einen Bach in die Dunkelheit der Höhle, bis sich plötzlich eine Halle vor uns auftut. Als wir mit der Taschenlampe hineinleuchten, sehen wir ihn: einen weiteren kleinen Wasserfall.

Die nächsten zwei Tage verbringen wir am paradiesischen Wasserlauf von Roberto Barrios: Wasserfälle um Wasserfälle und Kalksteinbecken um Kalksteinbecken schlängeln sich durch einen naturbelassenen Wald, wo wir Traumfänger basteln und Nachos mit Guacamole geniessen. Die Enttäuschung von Palenque können die Ruinen von Yaxchilan wieder wettmachen: Sie sind abgelegen und nur via Boot zu erreichen, was sie für Touristengruppen unattraktiv macht. Dementsprechend kostet die Anreise Geld und Zeit. Da wir vor allem letzteres haben, übernachten wir an der Bootanlegestelle: Sobald sich weitere Besucher einfinden, können wir uns ein Boot teilen. Mit Catharina und Alberto, zwei jungen Backpackern, fahren wir in den Morgenstunden ins verlorene Maya-Paradies. Als wir uns Stunden später wieder treffen am Anleger, sind wir uns einig: die Zeit war viel zu knapp. Yaxchilan ist eine jener verwunschenen Mayastätte, die einen das Herz höher schlagen lassen. Als wir auf dem Weg zu den einzelnen Ruinen durch den Dschungel spazieren, wagen wir kaum zu sprechen. Der Urwald ist voller Geräusche: Vögel, Zikaden, Brüllaffen. Trotz üppiger Vegetation sind die Pyramiden gut erhalten. Vor einem Tempel mit besonders eindrücklichem Dachaufbau stossen wir auf Alberto, der mit offenem Hemd und tropfendem Haar konzentriert eine Skizze in sein Notizbuch malt. Egal wie schwül-heiss der Urwald ist, uns alle hat das Ruinenfieber gepackt. Für mich soll es noch besser kommen. In Reforma Agraria finden wir den Schlafplatz meiner Träume. Als ich am Morgen aus dem Van klettere, begrüsst mich eine Familie Brüllaffen. Durch die Morgenluft schallt das Krächzen von Aras und in den Bäumen am Flussufer pflücke ich Bananen, Limetten und Guanabanas. Alles scheint perfekt, doch als ich Patrick aus dem Zelt kriechen sehe, werde ich in die Realität zurückgeholt. Vermehrt schläft er in diesen Tagen im Zelt, weil er Willy nicht mehr erträgt. Die Nächte alleine im Van zu verbringen, stört mich nicht, aber ich fühle uns beide weiter und weiter auseinanderdriften. Patrick lebt in seiner Kapsel aus Sorgen, in die ich keinen Zugang finde. Dabei stehen die nächsten Willyprobleme bereits vor der Tür: In Tziscao, an den tiefblauen Lagunas de Montebello will Willy nicht mehr anspringen. Drei Nächte stehen wir vor dem Parkeingang des Nationalparks, wo uns eine hilfsbereite Polizeipatrouille hinschleppte und sich um uns kümmert (siehe Blogbeitrag vom 7. November 2022). Als Willy wieder flott ist, hat sich Patricks Wunsch, ihn lieber heute als morgen zu verkaufen, ins Unermessliche gesteigert. Wahrscheinlich ist der Umstand  mitverantwortlich, dass einer der Polizisten Interesse am Auto äusserte. Er würde uns jedoch nur die Hälfe des Preises zahlen, für den wir Willy zu verkaufen gedenken. Das Problem, welches den Verkaufspreis des Vans so drückt, liegt darin, dass Willy in Kanada eingelöst ist. Theoretisch ist es unmöglich, ein ausländisches Auto in Mexiko zu verkaufen, es sei denn, man importiert es offiziell, was in unserem Fall mehr kosten würde, als Willy selbst. Obwohl wir noch die eine oder andere Idee auf Lager haben, tauschen Patrick und der Polizist Nummern aus. Und wenngleich mich der vorliegende Plan B nicht zu überzeugen vermag: Auch ich bin langsam bereit, mich von Willy zu trennen. Somit entscheiden wir, uns in der nächsten grösseren Stadt - in San Cristobal de las Casas - um den Autoverkauf zu kümmern. Zuvor geniessen wir die oasenartige Cenote Chukumaltik und bei den Cascadas El Chiflon fühle ich mich - wie einige Tage zuvor bereits am Rio Lacantun - an Semuc Champey zurückerinnert (siehe Blogbeitrag vom 2. Juli 2023). Und diesmal bliebt die Enttäuschung aus. Am hellblauen Bach übernachten wir und am nächsten Morgen wandern wir entlang der Wasserfallkette auf einen steilen Aussichtspunkt. In den Pools kühlen wir uns ab, bevor wir Willy ein letztes Mal ins Hochland von Chiapas - auf über 2000 Meter über Meer - hetzen. Bei jedem Höhenmeter bangt Patrick um Willys Motor, der uns seit der Überhitzung in Guatemala immer wieder Sorgen bereitet (siehe Blogbeitrag vom 7. November 2022).


San Cristobal de las Casas gefällt uns. Und das ist gut so, denn wir haben eine Mission, die sich hinzieht. Eine Woche wohnen wir vor dem Hostel Mi Casa, einem Sammelsurium an verschiedenster Backpacker, wo wir aber Küche und Terrasse mitbenutzen dürfen. Willy bleibt eine willkommene Rückzugsmöglichkeit, wobei wir gleichzeitig glücklich sind, Pizza und andere Leckereien selbst zubereiten zu können. Tagsüber bepflastern wir die halbe Stadt mit „Willy en venta“-Plakaten (Zu verkaufen!) und immer wieder melden sich Interessierte. Direkt beim Anbringen der Flyer, beim Einkaufsschwatz mit Einheimischen, im Hostel oder beim Kaffee trinken mit anderen Reisenden. Nachdem wir Willys Herkunft jeweils offenlegen, schwindet das Interesse. Die bürokratischen und finanziellen Hürden scheinen alle abzuschrecken. In der Zwischenzeit kümmern wir uns um Liegengebliebenes, geniessen guten Kaffee in Gartencafes oder himmlisches Brot aus hippen Bäckereien. Mich fasziniert die Stadt vor allem ihrer neuesten Geschichte wegen: die Zapatisten-Revolution von 1994 ist allgegenwärtig. „Para todos todo, para nosotros nada“ prangt an einer Häuserfassade („Alles für alle, nichts für uns selbst“). In kleinen Künstlerateliers, auf dem Markt, in Museen und auf Wänden - überall sieht man sie - die revolutionären Parolen und Street Art, die Aufkleber und Patches der EZLN, die schwarzen Sturmhauben, die roten Sozialistensterne und Bandanas. Auffallend dabei ist, wie häufig Frauen abgebildet sind. In den folgenden Tagen lese ich mich in die Revolutionsgeschichte ein und erfahre, dass Comandata Ramona, eine Angehörige der indigenen Tzotzil und führende Figur des Zapatistenaufstandes, bereits ein Jahr vor der eigentlichen Revolution das „Revolutionäre Frauengesetz“ durchsetzte. Weil mich der Text damals wie heute berührt, gebe ich ihn an dieser Stelle in deutscher Übersetzung wider:


„Frauen, ungeachtet ihrer Rasse, Herkunft, Hautfarbe oder politischer Zugehörigkeit, haben das Recht am politischen Kampf in einer Weise teilzunehmen, den sie nach ihrem Willen und ihren Möglichkeiten bestimmen.

Frauen haben das Recht auf Arbeit und einen gerechten Lohn.

Frauen haben das Recht zu entscheiden, wie viele Kinder sie haben und gross ziehen wollen.

Frauen haben das Recht, in den Angelegenheiten der Gemeinden teilzunehmen und verantwortliche Posten einzunehmen, wenn sie frei und demokratisch gewählt werden.

Frauen und ihre Kinder haben das Recht auf besondere Aufmerksamkeit in Hinblick auf ihre Gesundheit und Ernährung.

Frauen haben ein Recht auf Bildung.

Frauen haben das Recht, ihren Partner frei zu wählen und dürfen nicht zur Eheschliessung gezwungen werden.

Keine Frau darf geschlagen oder körperlich misshandelt werden, weder von Angehörigen noch von Fremden. Versuchte Vergewaltigung oder Vergewaltigung werden streng bestraft.

Frauen können Führungspositionen in der Organisation und militärische Ränge im bewaffneten revolutionären Heer bekleiden.

Frauen unterliegen allen Rechten und Verpflichtungen, die in den Gesetzen und Regeln der Revolution festgelegt sind.“


Als am 1. Januar 1994 die EZLN (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) fünf Bezirkshauptstädte von Chiapas besetzte, war es Comandanta Ramona, die die Einnahme von San Cristobal befehligte. Die Besetzung war die Antwort der Zapatistas auf das Inkrafttretens des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA zwischen der USA, Kanada und Mexiko. Die indigene Bevölkerung befürchtete als negative Folge des Abkommens eine Verdrängung der lokalen Produktion zugunsten von importierter Billigwaren aus den USA. (Heute wissen wir, dass sich die Befürchtungen bewahrheiteten.) Nebst der Besetzung der Städte erklärten die Zapatistas der mexikanischen Regierung den Krieg. Doch nur wenige Tage später wurde auf Druck der Zivilgesellschaft ein Waffenstillstand unterzeichnet, der zwei Jahre später zum Vertrag von San Andres führte. Der Vertrag sieht Autonomierechte für die indigene Bevölkerung in der mexikanischen Verfassung vor, welche jedoch nie darin aufgenommen wurden. Bis heute weist Chiapas eine der grössten indigenen Bevölkerungsgruppen Mexikos auf; gleichzeitig handelt es sich um einen der ärmsten Bundesstaaten.

Wie sehr Chiapas wirtschaftlich vernachlässigt wird, bekommen wir während unserer Zeit in San Cristobal selbst zu spüren. Hier sind die Preise auf dem Markt um einiges tiefer. Als wir unsere Kleider von der Wäscherei zurückbekommen, sind sie noch genauso dreckig wie zuvor. Auf Rückfrage verspricht man, sie nochmals zu waschen. Allerdings wird dies dauern: in den nächsten zwei Tagen gibt es kein Wasser. Davon ist auch unser Hostel betroffen. Auch auf unseren Willy-Check bei Jürgen, einem deutschen Mechaniker, müssen wir warten. Bevor wir Willy verkaufen, wollen wir sichergehen, dass keine grösseren Reparaturen anstehen. Als wir den Van am zweitletzten Tag in San Cristobal bei Jürgen abholen, atmen wir erleichtert auf: ausser einigen Kleinigkeiten geht es dem Auto gut. Gleichzeitig verschlechtert sich aber unsere eigene Gesundheit. Mit einer komischen Verdauung kämpfen wir schon tags zuvor als wir auf dem farbigen Handwerksmarkt die herzigsten Stofftiere für die grosse Anzahl an Nachwuchs unserer Schweizer Freunde auswählen. Im Museo de la Medicina Maya lernen wir viel über einheimische Pflanzen, welche die Kraft besitzen würden, unsere Darmprobleme zu heilen. Als wir ins Hostel zurückkehren, müssen wir vor dem WC Schlange stehen; wir sind nicht die einzigen mit Durchfall. Und am nächsten Tag erfahren wir, dass eine Hostelbesucherin im Spital war und sich der Verdacht bestätigte: Salmonellen. Wie wir uns angesteckt haben oder ob wir tatsächlich Salmonellen haben, wissen wir nicht mit Sicherheit. Aber im Gespräch mit anderen Reisenden und bei eigenen Recherchen stosse ich auf Laborstudien und Zeitungsartikel: San Cristobal hat ein massives Trinkwasserproblem. Alle Trinkwasserproben einer Studie von 2017 waren mit Fäkalien kontaminiert, weil in der Region funktionstüchtige Kläranlagen fehlen. Darmprobleme und Magenkrebs sind daher keine Seltenheit. Als wäre dem nicht genug, hat auch ein Grosskonzern seine Finger im Spiel: Coca Cola. Der Getränkeriese ist der grösste Wasserverbraucher einer Region, die unter Grundwasserknappheit leidet. In Chiapas besitzt Coca Cola die Konzessionen zweier Wasserquellen. Ironie: Während Einheimische also weder sauberes Wasser noch regelmässigen Zugang zu Wasser haben, werden ihnen stattdessen Zuckergetränke verkauft. Diese machen im Gegensatz zu Wasser vorerst keine Bauchschmerzen und keine gesundheitlichen Probleme. Bis sich die Anzahl der Todesfälle, die auf Diabetes zurückzuführen sind, zwischen 2013 und 2016 um 30 Prozent erhöhten. Mittlerweile ist Diabetes die zweithäufigste Todesursache in Chiapas.

Wie überall ist die Lage auch hier komplex: politische Interessen prallen auf wirtschaftliche, wobei Menschenrechte untergraben werden. Mit Willy und Durchfall verlassen wir San Cristobal, um umliegende Mayadörfer, Wasserfälle und Strände an der Pazifikküste zu besuchen. Die nächsten Tage sind gefüllt von spektakulären Aussichten auf den Canyon Sumidero, ruhigen Besuchen in bunten Kirchen, Durchfall-Malheuren in Einkaufszentren und Wasserfällen, vielen Pausen und Reissuppe mit Kartoffeln. Während unzähligen Stunden auf dem Klo, die ich mit Recherchieren verbringe, schält sich für mich eine These heraus: Chiapas ist Mexikos wissentlich vernachlässigter Staat. Indigene Menschen sind ebenso unwichtig wie politisch Unliebsame - und vor der Kombination beider verschliesst man am besten die Augen. Damit das auch funktioniert, investiert man vor Ort möglichst wenig in Bildung und wirtschaftliche Zukunftsperspektiven - oder eben Trinkwasserversorgung. Und falls Zapatisten zu aufmüpfig werden, schickt man als Regierung paramilitärische Gruppierungen aus dem rechten Flügel, die aufräumen: 1997 kamen 45 Zapatistas - hauptsächlich Frauen und Kinder - bei einem Massaker ums Leben und bis heute sind es weit über Hundert Tote, Verwundete, Vermisste und Heimatvertriebene, die die Regierung auf dem Gewissen hat.

Als wir den Wasserfall Aguacero besuchen, geht es Patrick plötzlich wieder gut: vielleicht liegt es an der kargen Umgebung, dem kiesigen Flussbett, den vielen Kakteen und Geiern, die uns in den Wilden Westen versetzen und Patricks Herz höher schlagen lassen. Wahrscheinlicher ist jedoch unser wellenartiger Krankheitsverlauf. An einem Tag können wir die Toilette kaum verlassen und liegen müde rum, am nächsten Tag fühlen wir uns fit und unternehmungslustig. Das Fiese an Salmonellen: sie bleiben bis zu einem Monat im Körper, wobei die Symptome normalerweise um die zwei Wochen anhalten. Wirksame Medikamente gibt es nicht.

Während Patrick langsam auf dem Weg zur Besserung ist, liegen meine schlimmsten Nächte noch vor mir. Vorerst erreichen wir aber die Pazifikküste. Den letzten Abschnitt aus der Hochebene bis ans Meer fahren wir auf einer schönen, kurvigen Strasse. Als wir in einer Bar im obersten Stock eines Hochhauses einen Kaffee trinken, rüttelt und knallt es plötzlich. „Unter den Tisch!“, schreit Patrick - wir beide bleiben aber wie angewurzelt mitten im Raum stehen. So schlimm scheint das Erdbeben nicht zu sein. Als Minuten später das Servicepersonal Scherben kehrt und heruntergefallene Bilder und Lampen wieder aufhängt, lachen wir Tränen ob unserer Reaktion. Am Abend treffen wir bei Familie Osvaldo ein. Ihnen gehört ein kleines Strandbaracken-Restaurant am verlassenen Strand La Bamba. Wir sitzen bei einem Bier als Alan aus der Westschweiz vom Surfen kommt. Er kennt die Osvaldos gut, die seine fünf Surfboards hüten, da er sooft wie möglich an die mexikanische Pazifikküste reist. Dieses Jahr will er ganze sechs Monate hier blieben. „Die Pädagogische Hochschule in der Westschweiz hat mich zum zweiten Mal nicht angenommen, weil sie keine freien Studienplätze hat“, erzählt er und verdreht dabei die Augen. Von PHs kann ich dem Sportwissenschaftler, der das Lehramt auf Gymnasialstufe machen möchte, ein Lied singen. Aber schnell haben wir spannendere Gesprächsthemen. Und als Alan erzählt, dass er für das kommende halbe Jahr auf der Suche nach einem Fahrzeug ist, jauchzen wir innerlich auf. Weil es bereits dunkel ist, verschieben wir die Van-Führung auf den Morgen. Bevor wir ins Bett kriechen, setzen wir Alan in Kenntnis über die rechtlichen Graubereiche des Autoverkaufs. Ausserdem müssen wir nochmals an die mexikanisch-guatemaltekische Grenze zurückfahren, um Willys Aufenthaltsbewilligung zu verlängern. Der Autoverkauf wäre also frühestens in einer Woche möglich. Eine Woche, in der wir einerseits weiterreisen möchten, uns aber gleichzeitig nicht zu weit von der Grenze wegbewegen sollten.  Als wir dem plötzlichen Regen auf dem Autodach lauschen, haben wir neue Hoffnung. Was wir noch nicht wissen: Die schweren Regentropfen sind die Vorboten eines weiteren Gewitters…



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