Die Geschichtenerzählerin

Aktualisiert: 7. Feb. 2021

„Du dampfst ja richtig“, höre ich Patricks Stimme an meinem Ohr. Im Halbschlaf taste ich mich zum wiederholten Male in dieser Nacht an mein Handy. Der Bildschirm leuchtet auf - 00:40 - aber keine Nachricht.

Ich habe geträumt. Davon, dass ich zurück in Schaffhausen bin, auf dem Fronwagplatz stehend, in dichtem Schneegestöber. Mitten auf dem Platz befindet sich nun ein Krankenhaus. Und in diesem wiederum liegt der Grund meiner Rückkehr: das Neugeborene einer guten Freundin. Einen Namen hat es nicht.

Ich drehe mich um und versuche wieder einzuschlafen. Dabei muss ich ein wenig über mich selbst lachen; darüber, dass ich meinem Mami immer ähnlicher werde. Meine Freundin liegt seit über vierundzwanzig Stunden in den Wehen. Und dies raubt mir den Schlaf.

Als Patrick und ich vor einigen Tagen durch die Oficina Francisco Brennand in Recife spazieren und die wunderschönen Keramikskulpturen des 2019 verstorbenen Künstlers bestaunen, ist es soweit: mein Handyspeicher ist voll. „Wahnsinn wie viel Babyspam ich da drauf habe“, murmle ich am selben Abend mit Toni‘s selbstgemachtem Caipi in der Hand. Die leidige Aufgabe des Aussortierens habe ich soeben in Angriff genommen. Und ich muss mir eingestehen: Ich kann keine Babyfotos löschen. Erst recht nicht, wenn sie von meinen Patenkindern sind.


Von ihnen fiel mir denn auch der Abschied am schwersten. Die Vorstellung, dass Gioia mir um die Ohren rennen wird und Joas seinen Namen schreiben kann, wenn ich zurück bin, erschreckt mich. Und ich bin traurig, dass ich die Babybäuche meiner Freundinnen nur auf Fotos sehe, nie aber meine Hand darauf legen kann. Wenn ich mit Joas telefoniere, streckt er seine Spielsachen in die Kamera, währenddem er von wilden Schlittenfahrten erzählt. Oder wir schauen in seinem Kinderatlas nach, ob wir uns im Land der gelben Strassenbahnen oder der Pumas befinden. Gioia strahlt mich mit ihren vier Zähnchen an und hält dabei die Händchen ihres grossen Bruders, der ihr das Laufen beibringt. Und jedes Mal wenn ich mich verabschiede, tut mir ein bisschen das Herz weh.

Aber ich erzähle. In Sprachnachrichten oder am Telefon; ich schreibe Briefe und Karten. Und auf den langen Busfahrten durchs brasilianische Hinterland spreche ich mit den Kleinen, als sässen sie neben mir. Weil ich voller guter Wünsche für sie bin.


Ich wünsche ihnen offene Augen. Für Naturwunder wie wir sie hier erleben: Traumstrände in Jericoacoara und Maragogi, riesige Dünen und muschelübersäte Lagunen in Atins, Regenwälder in Guaramiranga und Wasserfälle in Lençóis. Staunen sollen sie, wie wir es über riesige Städte wie Fortaleza, São Luís, Recife und Salvador tun.

Mut wünsche ich ihnen und Abenteuerlust, um Vogelspinnen zu entdecken, in natürliche Pools zu springen, Dünen hinab zu boarden, gefährliche Strassen zu gehen und manchmal unvernünftig zu sein (keine Details :)).

Ich wünsche ihnen Neugier. Um sich Gedanken über Gegensätze zu machen: über eine Pferdekutsche, die selbst im reichen Stadtviertel den Müll wegbringt oder einen Präsidenten, der meint, mit der Bibel in der Hand ein Land regieren zu können. Voller Neugier sollen sie sein, um auf Menschen zuzugehen, deren Sprache sie kaum sprechen; um sich durch Tapioca, Feijoada, Acarajé und Moqueca zu essen.

Ich wünsche ihnen, dass ihre Füsse stets den Boden berühren. Damit sie die einfachen, alltäglichen Ereignisse wertschätzen: ein geschenktes Frühstück, ein Kuschelnachmittag mit einem Hündchen, farbenfrohe Märkte, eine Nacht in der Hängematte, eine unverhoffte Einladung. Oder in Patricks Worten: „Weil es sich barfuss so schön durch den Regenwald spazieren lässt.“

Gelassenheit wünsche ich ihnen für Momente, in denen nicht alles nach Plan verläuft: für viel zu lange Reiserouten, verlorene Schlüssel und Handys, für zwielichtige Angebote, überteuerte Dienstleistungen und Busse, die nicht erscheinen. Vor allem aber wünsche ich ihnen Gelassenheit gegenüber der eigenen Unvollkommenheit; den eigenen Fehlern.

Offene Ohren sollen sie haben. Für die Froschgesänge der tropischen Nächte, die weisen Worte älterer Menschen und die Gitarrenklänge von Strassenmusikern.

Ich wünsche ihnen Begeisterung: für Inspirationen von anderen Reisenden und für die Kunst von Silberschmieden und Karnevalskünstlerinnen.

Allem voran aber sollen sie Lebensfreude spüren, wie wir es tun. Im Lachen eines alten Mannes, in dessen Garten wir campen, als wir ihm Kaffee aus unserer Bialetti zum Probieren geben. In der Poesie junger Künstlerinnen, die uns einen Abend unterhalten. Darin, dass ein Kellner uns nach dem Essen Hängematten aufhängt und unzählige Mangos schenkt. Oder durch Liduina, die mit ihrer Grossfamilie neben uns zeltet und darauf besteht, dass ich ihren Weltreisebatzen annehme: „Vocês estão no meu coração e vai ficar por muito tempo, porque eu amo pessoas que gostam de viagem.“ („Du bist in meinem Herzen und wirst lange bleiben, weil ich Menschen liebe, die reisen.“)

Um 05:23 bin ich hellwach. Mein Mädels-Chat läuft heiss: der Kleine ist da! Endlich!

Ich freue mich, kleiner Levi, dass ich dich irgendwann kennenlernen darf. Ob du dann schon Zähnchen hast oder gar deinen Namen schreibst, ist einerlei. Denn: bis dahin erzähle ich dir auf unseren Reisen durchs brasilianische Hinterland.







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