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„Der holländische Kolonialismus war nur halb so schlimm“

Wir stehen in Galerie C des malaysischen Nationalmuseums in Kuala Lumpur vor drei lebensgrossen Baum-Repliken. Eine Puppe in Arbeitskleidung und einem Messer in der Hand steht vor den eingeritzten Stämmen, aus denen eine milchige Flüssigkeit in die kleinen Behälter am Boden zu fliessen scheint. Auf der Infotafel unterhalb der Szenerie ist ein Text über Kautschukgewinnung zu lesen: der Ursprung eines der heutigen Hauptanbauprodukte des Landes liegt 150 Jahre zurück - und hängt - oh Überraschung! - unmittelbar mit Europa zusammen. Die Pflanze wurde von einem Briten aus Brasilien nach Südostasien geschmuggelt, der zur Zeit des südamerikanischen Kautschukbooms das grosse Geschäft nach Asien bringen wollte. Da die Pflanze gedieh und die britische Kolonialverwaltung indische Arbeitssklaven nach Südostasien zu verfrachten wusste, stieg Malaysia zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum wichtigsten Kautschukproduzenten auf. Bis heute wird der Naturgummi erfolgreich verarbeitet: das malaysische Unternehmen Top Glove ist die grösste Einweghandschuhfabrik der Welt.

Einmal mehr lässt uns ein Museum in die Epoche europäischer Fremdherrschaft eintauchen. Zwar haben wir den Kontinent gewechselt, die koloniale Geschichte jedoch ist allgegenwärtig.


Vor gut einer Woche sind wir in Südostasien angekommen. In Singapur dürfen wir bei Abraham übernachten, der uns im belebten Holland Village rumführt und uns mit der Kunst des Speisens in Hawker Centers vertraut macht. In Little India bekommen wir einen Vorgeschmack darauf, was uns einige Monate später an Farbe, Geschmack und Trubel erwarten wird. In Chinatown lernen wir die Geschichte der chinesischen Einwanderer näher kennen, die vor allem im Bergbau mit dem Abbau von Zinn und Gold beschäftigt waren. Wir besuchen den Buddha Tooth Relic Temple, der von chinesischen Buddhisten verehrt wird und in einem unscheinbaren Museum stolpern wir über die Geschichte indischer Muslime. Singapur präsentiert sich aufregend, kontrovers und als Schmelztiegel sämtlicher Kulturen. Während wir den Vormittag im gigantischen und wunderbar ruhigen botanischen Garten verbringen oder in einer fancy Cafébar Pain au Chocolat schnabulieren, schlendern wir am Nachmittag an der Bayfront, vorbei an Luxusläden, im Blick stets das Marina Bay Sands. Am Abend geniessen wir die Lichtshow der Supertrees oder Andrew’s Jaccuzi in der Wohnsiedlung „The Interlace“. Andrew, ein Couchsurfing-Freund, zeigt uns die besten Aussichten über die Stadt, sei es von modernen Dachterrassen oder vom Mount Faber. Patrick ist beeindruckt von Singapur; unser Portemonnaie dankt es uns aber, dass wir nach vier Tagen weiterreisen. Malakka, seit der Antike eine wichtige Hafenstadt für Chinesen, ab dem Mittelalter auch für Europäer, empfängt uns ähnlich multiethisch. Wir wohnen bei einer herzlichen Muslima, schlagen uns in Chinatown den Bauch mit Dumplings voll und trinken danach ein Bierchen in einer europäischen Traveller-Bar. Auf dem St. Pauls Hügel begeben wir uns auf die Spuren portugiesischer und niederländischer Kolonialherren, wir besuchen die schwimmende Moschee und von einem alten Malaysier werden wir durch das traditionelle Haus seiner Vorfahren geführt. Auch Kuala Lumpur erleben wir mondän; sei es beim Besuch der unzähligen Gallerien oder der Nationalmoschee, dem Bewundern der Petrona-Towers, beim Stadtspaziergang durch koloniale Viertel oder als wir an Kuala Lumpurs berühmtesten Nachtmarkt unseren baskischen Freund Gontzal wiedersehen, mit dem wir drei Wochen durch Zentralamerika gereist sind (siehe Blogbeitrag vom 23. August 2022).


Die Geschichte Malaysias ist mit jener von Singapur verwoben. Die beiden heutigen Nationalstaaten gehörten beide zum Sultanat von Malakka, welches 1400 gegründet wurde. Seit jeher kam der Strasse von Malakka als Handelsgebiet zwischen China und Indien grosse Bedeutung zu. 1511 eroberten die Portugiesen das Gebiet und beherrschten es für 130 Jahre, bevor es den Niederländern gelang, die portugiesischen Kolonialherren zu vertreiben. Das Augenmerk der niederländischen Fremdherrschaft lag auf der Etablierung eines Gewürz-Handelsmonopols, was durch die Handelskompanie VOC Realität wurde. Ende des 18. Jahrhunderts verstärkten die Briten ihre Präsenz durch den Erwerb der Insel Penang, die sich an der Strasse von Malakka befindet. Dies zog ein kontinuierlicher Streit um die Vormachtstellung der beiden Kolonialmächte nach sich. 1824 einigte man sich schliesslich: Malaysia und der fünf Jahre zuvor errichtete Handelshafen Singapur fielen an Grossbritannien. Die Niederlande erhielt dafür Gebiete des heutigen Indonesiens. Ein typischer Kuhhandel der Kolonialära, wobei die Interessen der lokalen Bevölkerung schlicht keine Rolle spielten.


Als wir einen Tag nach dem Besuch des Nationalmuseums in der Fähre nach Sumatra sitzen, freue ich mich darauf, ein weiteres Puzzleteil der hiesigen Kolonialgeschichte kennenzulernen. Zwar habe ich Indonesien bereits im Jahr 2011 besucht, zugegebenermassen habe ich mich damals aber mehr für die Kultur der Einheimischen, vor allem aber fürs Surfen und Parties interessiert. So viel weiss ich bereits: ein Teil Sumatras gehörte ebenfalls zum Sultanat von Malakka. Ab 1511 breitete sich vom Nordwesten der Insel ein weiteres Herrschaftsgebiet aus: das Sultanat von Aceh. Auch hier fielen die Portugiesen im 16. Jahrhundert ein, auch hier verloren sie ihre Vormachtstellung im 17. Jahrhundert an die Holländer. Im Gegensatz zu Malaysia und Singapur stellte Indonesien jedoch immer das Herz des niederländischen Kolonialreichs dar. Da ich die Region nun mit anderen Augen sehe als in meinen frühen Zwanzigern, erhoffe ich mir neue Erkenntnisse.

Wie enttäuscht bin ich, als wir drei Wochen später in derselben Fähre sitzen auf dem Weg zurück aufs malaysische Festland. Zwar haben wir ereignisreiche Tage hinter uns, fehlende Puzzleteile konnte ich aber kaum finden. Die Kolonialgeschichte in Sumatra sucht man vergebens; sie ist schlicht unauffindbar. Ich weiss. Ein Schwellenland mit einem HDI, der viel Luft nach oben lässt, hat einen anderen Fokus, hat dringlichere Herausforderungen zu bewältigen, als sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und ich bin mir sicher, dass ich auf einer anderen Insel - beispielsweise auf Java - mehr Antworten auf meine Fragen gefunden hätte. Dennoch hinterlässt Sumatra für uns beide eine gewisse Ratlosigkeit. Noch nie zuvor - und niemals danach wieder - hat uns ein Ort so wenig begeistert, fühlten wir uns so fehl am Platz, waren wir so irritiert über das Verhalten der Einheimischen und haben wir so wenig Gastfreundschaft erlebt wie auf Sumatra.


Als wir auf der Insel ankommen, müssen wir uns an ein anderes Reisen gewöhnen: schlechte Strassen und uralte Fahrzeuge machen kurze Strecken zur Abenteuerfahrt. So kommen wir in Padang mit einem Tag Verspätung an. In Air Manis, einem Strand nördlich der Stadt, hat Benny ein Surfcamp und lässt uns einige Tage bei sich wohnen. Er selbst wohnt mit seiner Familie in der Stadt und so teilen wir das Holzbungalow mit Ryan, einem Freund der Familie. So herzlich das Zusammensein mit Familie und Freunden ist, so mühsam erleben wir das Unterwegssein zu zweit. Kaum werden wir beim Spaziergang durchs Dorf gesichtet, bildet sich eine Traube von Kindern um uns, Jugendliche rufen uns (unfreundliche) Brocken Englisch zu, Erwachsene starren uns an. Patrick probiert die Welle vor unserem Haus und während ich auf das Surfbrett warte, wage ich einen kurzen Schwumm ins Meer - im Bikini. Welch schlechte Idee! Als wären wir nicht schon exotisch genug, strömen nun, als ich zurück am Strand bin und mein Kleid bereits wieder angezogen habe, Jugendliche auf mich zu, die ein Foto mit mir wollen. Für die nächsten drei Wochen werden wir damit beschäftigt sein, Wildfremde Selfies von uns schiessen zu lassen oder - und das kommt häufiger vor - Selfiejäger abzuwimmeln. Oftmals wehren wir uns vergeblich; fotografiert werden wir trotz mehrmaligem Ablehnen. „Das ist der Fluch von Social Media, des Smartphonebooms und unserer voyeuristischen Gesellschaft“, schiesst es mir immer wieder durch den Kopf. Als ich elf Jahre zuvor in Indonesien war, steckten die Selfiejäger noch in Kinderschuhen - und mit ihnen das Smartphone. Und: je touristisch unerschlossener eine Region ist, desto exotischer sind wir mit unserem Aussehen, unserer Sprache, unseren Gewohnheiten. Während Patrick in früheren Jahren durch Westafrika reiste, kenne ich mich in Ostafrika ein wenig aus. Daher wissen wir eigentlich, wie es sich anfühlt, mit seiner blossen Präsenz aufzufallen. Immer wieder schiessen mir in den folgenden Tagen Erinnerungen aus meiner Zeit in Ostafrika durch den Kopf. Und dennoch: jeder Vergleich mit Indonesien ist hinkend, unzureichend und unfair. Heute weiss ich, was mich in Indonesien so sehr herausforderte: die grosse Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Ungebildet und Gebildet und das Gefälle zwischen touristischen Orten und einheimischen Regionen. In Air Manis fühlt sich dieses Gefälle an wie ein Schlag ins Gesicht. Hier ist der traumhafte Strand vermüllt, der Vorort besteht aus verlotterten Holzbarracken und die wunderschönen Palmenwälder schwinden. Unsere nächsten Tage verlaufen am schmalen Grat dieser beiden Welten.


Dank Benny sehen wir wunderschöne, naturbelassene Orte. Eine abenteuerliche Jeepfahrt durch den Dschungel führt uns zu einem verlassenen Wasserfall. Wir springen von den Klippen in den Pool des Wasserfalls, chillen auf den grossen Steinen in der Sonne und essen indonesische Spezialitäten aus Bananenblättern. Auf dem Heimweg schneidet Ryan Jackfruits von den Bäumen, die wir wenig später in einer Autowerkstatt lachend und scherzend mit seinen Freunden verputzen. Am Abend nimmt uns Benny zu seinem traditionellen Chiropraktiker mit. Ich bin ein wenig nervös, als ich mich im Wartesaal hinter zwei Frauen auf den Teppich setze. Rechts von mir sitzen Benny und Patrick in der Männerreihe; wir alle schauen gebannt auf die Patientin, die vor uns behandelt wird. Gekonnt, zielstrebig und blitzschnell lässt der Heilpraktiker ihren Rücken knacksen und bringt ihre Extremitäten in unnatürliche Positionen. Manchmal lässt der Schmerz ein kurzes Zucken über ihr Gesicht huschen, aber sie ist tapfer. Ganz im Gegenteil zu mir. Als ich an der Reihe bin, amüsiert sich nicht nur der Praktiker, sondern auch das Wartezimmer über mein Aufstöhnen und die Grimassen, die ich schneide vor Schmerz. Immerhin steht mir Benny in Nichts nach und als wir auf dem Heimweg sind, ziehen wir uns gegenseitig auf. Am nächsten Tag bereitet uns Bennys Frau traditionelles Frühstück zu, bevor wir die Schule ihrer Tochter besuchen. Ein verstörendes, aber spannendes Erlebnis. Sowohl der hierarchische Frontalunterricht und das Belohnungssystem, als auch die zwischen Unter- und Überforderung schwankende Unterrichtsform lassen mich zwischen hilflosem Lachen und ungläubigem Augenaufreissen schwanken. Von Genderbias ganz zu schweigen. Weil Benny und sein Arbeitskollege Fred auf einer Bohrinsel arbeiten, haben sie für die Kinder eine Präsentation über Erdölförderung vorbereitet. Da die Kinder offensichtlich kaum folgen können, finden sich die beiden zum Schluss ihres Vortrags, als sie Testfragen über das Präsentierte stellen, mit der Tatsache konfrontiert, dass ein einziger Junge ihre Fragen einigermassen beantworten kann. Kein Problem, man wechselt zur Konversation mit den Gästen: Patrick und ich erzählen ein wenig, die Kinder verstehen wenig, Wenige stellen uns Fragen. Zu unseren Lieblingstieren, Lieblingsessen, Lieblingsfussballspielern. Die Guten werden gelobt, erhalten Kugelschreiber und Süssigkeiten. Die Jungs können wir beim Namen nennen, weil sich auf ihren Uniformen ein Namensschild auf Brusthöhe befindet. Die Mädchen - ja die Mädchen - sind halt nicht so wichtig. Nach einer langen Fotosession (ja, auch die Lehrer möchten Selfies) verteilen wir Unterschriften. Richtig gelesen. Unzählige kleine Hände strecken uns Schulhefte entgegen. Und weil ich die Namen der Mädchen erfrage, hier und da eine Sonne, eine Katze oder ein lustiges Smiley zeichne, muss mich Benny beinahe zu den Lehrern zerren, die mit einer Berufskollegin aus der Schweiz plaudern wollen. Zu Recht: Denn einmal mehr sind zwei Welten aufeinandergeprallt.


Ein Phänomen des oben beschriebenen Gefälles zeigt sich auch bei unserer Weiterreise. An touristischen Orten werden wir stets freundlich empfangen und schliessen rasch Freundschaften. Kümmern sich die Einheimischen rührend um uns nach unserem Töffliunfall in Tuk Tuk (siehe Blogbeitrag vom 21. August 2022), verbringen wir unseren schönsten Tag auf Sumatra mit Jojo im Dschungel von Bukit Lawang. Er führt uns auf schmalen Pfaden zu den wunderbarsten Aussichten, erklärt uns Flora und Fauna des Waldes und erzählt viel von seinen langen Monaten in der Wildnis als Ranger. Dank ihm können wir unzählige Affen beobachten und kommen sogar in den Genuss, ein Orang-Utan-Weibchen mit seinem Baby zu sehen. Und weil wir nicht genug kriegen können von der Wildnis, drehen wir eine Extrarunde, wo wir von Wildbienen gestochen und von Blutegeln gebissen werden. Zum Abschied schenkt uns Jojo filigran geflochtene Fingerringe, die er in den Monaten im Urwald gemacht hat.

Das Reisen auf eigene Faust - wie wir uns Reisen eigentlich gewohnt sind - gestaltet sich leider oft mühsam. In lokalen Bussen finden wir uns stets in Preisdiskussionen wieder, weil von uns überteuerte Ticketpreise verlangt werden. Männliche Fahrgäste verhalten sich oft sehr aufdringlich gegenüber mir, sei es, indem sie mich ungefragt fotografieren, pausenlos anstarren oder unentwegt nach meiner Handynummer fragen. Mehr als einmal zeigen uns Halbwüchsige den Mittelfinger oder schreien uns „Fuck you“ nach. Und Patrick wird beim Joggen beinahe und mit Absicht von einem Motorrad angefahren. Hämisch lachend fährt der junge Fahrer davon.

Wenn wir andere Reisende antreffen und uns über Erfahrungen austauschen, stellen wir immer wieder fest, dass sie unsere Eindrücke nicht teilen. Einstimmig schwärmt man von Sumatra. Fragen wir genauer nach, stellt sich rasch heraus, dass sie anders reisen als wir. Sie haben ein grösseres Reisebudget, buchen Privattransporte oder geführte Touren und verpflegen sich in Restaurants. Dann - zugegeben - muss Sumatra ein Paradies sein. Wir, für unseren Teil, müssen uns aber eingestehen, dass wir anders unterwegs sein möchten. Für uns ist der Kompromiss zu gross, ausschliesslich touristische Angebote zu nutzen, um eine schöne Reise zu haben. Auch wenn Sumatra somit zu einem Ort wird, den wir nicht wieder besuchen möchten.


Einige Tage später, als wir zurück in Malaysia sind, tauschen wir uns mit einem holländischen Pärchen ebenfalls über Reiseerfahrungen aus. Auf dem lokalen Markt habe ich viel zu viel Gemüse eingekauft, weswegen wir unser Abendessen mit Freude teilen. Bart und Loekie sind seit einem Monat in Malaysia und reisen ohne Ziel und Zeitdruck. Bart hat mehrere Monate in Neuseeland gearbeitet, bevor er Loekie kennenlernte und sich die beiden entschieden, zusammen weiterzureisen. Im Verlaufe des Abends fällt unser Gespräch auf imperialistische Machtstrukturen in Malaysia. „Im Vergleich zum britischen war der holländische Kolonialismus aber nur halb so schlimm“, entfährt es Bart. Als wir ein wenig irritiert nachfragen, wie er das meint, weist er auf das grosse britische Kolonialreich hin. Dann fehlen ihm die Argumente für seine Behauptung. Ein wenig verlegen muss er einräumen, dass seine Aussage so vielleicht nicht ganz richtig ist.

Barts Argumentationsweise hat mich nachdenklich gestimmt, weswegen ich auch Tage später noch daran denke. Einerseits erscheint es mir hanebüchen, darüber zu streiten, welche Kolonialmacht weniger Land raubte, sich weniger hinterlistige Verträge ausdachte, eine „humanere“ Knechtschaft praktizierte und der einheimischen Bevölkerung weniger Leid brachte. Ist meine Perspektive privilegiert, weil ich aus einem Land bin, das keine Kolonien besass? Gehört dieses Unterschlagen in ehemaligen Kolonialstaaten zum Alltag?


Dass Grossbritannien die grösste Kolonialmacht der Weltgeschichte war, ist unumstritten. In der Zwischenkriegszeit betrug das Reich einen Fünftel der gesamten Erde und einen Viertel der damaligen Weltbevölkerung. Mit den Kolonien in der Karibik war Grossbritannien verantwortlich für die Etablierung des atlantischen Dreieckshandels im 16. Jahrhundert und somit für ein System, das auf Sklaverei beruhte. In Malaysia übte die Kolonialmacht - nebst der üblichen Ausbeutung von Landarbeitern - vor allem im Dekolonialisierungsprozess Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus. Von 1948 bis 1960 führten die Briten unter der Strategie Harold Briggs einen Krieg, um einheimische Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterdrücken. Das Prekärste an der gesamten britischen Kolonialgeschichte: bis heute liegt keine Entschuldigung von offizieller Seite für die Verbrechen vor. Im Gegenteil: 2016 zeigte eine YouGov-Umfrage, dass 44% der Briten sogar stolz auf ihre koloniale Vergangenheit sind. Wahrscheinlich gelang es erst Prinz Harry und Herzogin Meghan mit ihrer Kolonialismuskritik eine breite Öffentlichkeit zum Nachdenken zu bringen. Die beiden stachen mitten in ein Wespennest: Das Königshaus profitiert bis heute massgeblich vom Kolonialismus. Seit Frühling 2023 gibt es einen Hoffnungsschimmer: König Charles III. hat der Aufarbeitung von historischen Verbindungen des Königshauses zur Sklaverei zugestimmt. 2026 soll die Studie erscheinen. Nichtsdestotrotz: in Schulen, Medien und Museen ist Kolonialismuskritik noch immer die Ausnahme.

Auch in Holland kratzt man ungern am eigenen Image. So wird im Geschichtsunterricht lieber ein Selbstbild als Land der Demokratie, der Toleranz und der Freiheit gezeichnet, als über das Sklavengeschäft der Handelskompanie WIC zu diskutieren. Oder darüber, dass die Sklaverei in den Niederlanden erst 1863 abgeschafft wurde; 30 Jahre nach Grossbritannien. Auch punkto Unabhängigkeitskriegen steht Holland Grossbritannien in Nichts nach: als Indonesien 1945 die Unabhängigkeit ausruft, antwortet die Kolonialmacht mit Gewalt. Vier Jahre werden sogenannte „Polizeiaktionen“ durchgeführt, die Zehntausende das Leben kosten. Wie brutal niederländische Kolonialisten gegen Einheimische vorgingen, zeigt das Massaker auf den Banda-Inseln. Weil die einheimische Bevölkerung die äusserst beliebte Muskatnuss nicht nur den Niederländern, sondern auch den Briten verkaufte, zog sie den Zorn der Kolonialherren so sehr auf sich, dass die Menschen kurzerhand umgebracht oder deportiert wurden. Auch wenn Massaker wie dieses weniger bekannt sind als die britische Brutalität in den Konzentrationslagern Südafrikas oder bei der Niederschlagung des Mau-Mau-Aufstandes in Kenia, sie alle zeugen von systematischer Gewalt. Immerhin: 2020 hat sich König Willem-Alexander beim Staatsbesuch in Indonesien öffentlich für die Verbrechen aus der Kolonialära entschuldigt.



Ps. Hand aufs Herz: Fühlst du eine gewisse Genugtuung, beim Gedanke, dass die Schweiz keine Kolonien besass? Oder schaust du ein klein wenig runter auf die skrupellosen Kolonialmächten, die - im Gegensatz zur Schweiz - Menschen versklavten? Zugegeben, auch ich bin manchmal versucht, die Schweiz besser wahrzunehmen, als sie tatsächlich ist. Fakt ist: Auch ohne Kolonien ist die koloniale Vergangenheit der Schweiz facettenreich und tiefgreifend. Als Söldner im Dienste der Kolonialmächte halfen Schweizer bei Eroberung und Herrschaftssicherung, als Wissenschaftler nahmen sie an Kolonialexpeditionen teil und verbreiteten rassistisches Gedankengut, als Kaufleute oder Plantagenbesitzer beteiligten sie sich am Sklaven- und Rohstoffhandel. Und falls das noch nicht überzeugt: 1864 befürwortete der Schweizer Bundesrat die Sklaverei noch immer - als letztes europäisches Land. What a shame.




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