Carrapateira – oder wie ich mich in Geduld übe

Auf den Hügeln oberhalb Carrapateiras stehen wir im Regen und schauen den gewaltigen Blitzen über dem Meer zu. „Hast du den gesehen?“ ruft Patrick und streckt seine gespreizten Finger in die Luft. „Der hatte bestimmt zwanzig Seitenarme!“


Seit zwei Stunden wandern wir durch die Gewitterlandschaft. Wir atmen den Duft der nassen Eukalyptusbäume ein und können uns an den rot-gelben Mustern der glänzenden Steine am Wegrand kaum satt sehen. Unsere Hände sind dreckig vom Wühlen in der Erde und vom Aufheben so mancher Naturschätze für Zuhause. Zuhause – wie seltsam gemütlich dieses Wort klingt. Für die nächsten Wochen haben wir das Privileg, an diesem wunderschönen Ort zu leben.


Die Tage vor unserem Einzug waren geprägt von einer steten Unruhe und Rastlosigkeit. „Es fühlt sich an, als hätten wir unser Ziel aus den Augen verloren“, sagte ich ein wenig traurig, als wir unser Zelt auf einer Klippe nahe Sines aufbauten. „Ich glaube vielmehr, wir haben unser neues Ziel noch nicht gefunden“, ermutigte mich Patrick. Unser langsames Reisen mit dem Kauf eines Flugtickets kurzerhand aufzugeben, fühlte sich falsch an. Gegen die Weiterreise in Richtung Osteuropa entschieden wir uns des einbrechenden Winters wegen. Wir beide sind Kinder des Sommers. Was also blieb, war, uns vorläufig niederzulassen.


Anzukommen war ein Prozess. Dankbar nahmen wir die Einladung eines neuen Freundes an, ihn auf der Quinta von Bekannten zu besuchen. Die Tage auf dem kunterbunten Landsitz nahe Rogil liessen uns durchatmen. Ich fühlte mich frei, als wir ohne Gepäck über die Felder flitzten; als ich mit der Hündin Mira ins kalte Wasser des kleinen Baggersees sprang oder mich beim Backen austobte. Wir flickten, bastelten, sammelten neue Ideen und – wir machten uns auf Wohnungssuche. Die Abende waren ausgefüllt mit gemeinsamen Essen und Gemütlichkeit am Cheminée im Pavillon. Jens brachte uns neue Kartenspiele bei. Und während Thomas Gitarre spielte, diskutierten wir über unsere Vorstellungen eines erfüllten Lebens.


Dennoch: Die Rastlosigkeit blieb. Nach drei Tagen zog es uns wieder auf die Strasse. Während wir weiter Richtung Süden fuhren, suchten wir die schwarzen Bretter der örtlichen Markthallen nach Wohnungsinseraten ab. In Vila do Bispo schauten wir uns eine kleine Wohnung an. In Sagres fuhren wir durch die Quartiere, fragten alte Frauen und junge Kellner, ob sie von leerstehenden Wohnungen wüssten. Ohne Erfolg.


Und dann kam die SMS eines Freundes. Er wusste von Robin, der in Carrapateira das Haus eines Freundes hütet und nach Mitbewohnern suchte. Wir trafen uns mit ihm, lernten uns kennen, lachten und erzählten. Als wir ihn verabschiedeten, auf unsere Velos stiegen und den Weg nach Lagos antraten, sprachen wir nicht viel. Robins Art und seine Erzählungen hatten uns berührt. Bis im Juli shapte er Surfboards in der Werkstatt seines Hauses. Sein wunderschöner Garten war umgeben von Eukalyptusbäumen, wie man sie hier in Hülle und Fülle findet. Der aus wirtschaftlicher Perspektive für Portugal lukrative Baum ist unlängst zu einer grossen Herausforderung geworden, weil er die einheimischen Bäume verdrängt. Robin musste eine weitere Problematik der Eukalyptus-Monokulturen am eigenen Leib erfahren: Waldbrände sind des Öles wegen besonders verheerend. Im Sommer verlor er alles.


Plötzlich änderte sich unsere Perspektive. Wir mussten nicht länger darüber grübeln, womit wir unsere Zeit des Wartens verbringen. Und als wir über das Kopfsteinpflaster von Lagos holperten, hatten wir uns beide längst entschieden. Bei Robin wollten wir einziehen. Und wenn wir uns mit Aufräumarbeiten nützlich machen könnten, umso lieber.


Die kommenden drei Tage nahmen wir Abschied: von der Strasse, vom Übernachten im Zelt, vom Kochen unter dem Sternenhimmel. Gleichzeitig verabschiedeten wir uns aber auch davon, uns kaum aufwärmen zu können, vom Zeltaufbau im völliger Dunkelheit, von tagelang kaum trocknender Kleidung und der Wahl entweder im Meer oder gar nicht zu duschen.


Während wir die Blitze unser neuen Heimat bewundern, muss ich daran denken, wie rastlos ich mich fühlte. Wie sehr ich zwischen Weiterreisen und Ankommen schwankte, an jedem einzelnen Tag, den wir in Ungewissheit verbrachten. Und wie ich haderte. Nun freue ich mich, stundenlang im Regen zu wandern, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie ich am Abend meine Kleider trocken und mich selbst warm kriege. „Wenn man ein Zuhause hat, ist die Natur plötzlich ungefährlich und sanft“, fällt es mir ein. Dann muss ich an Robin denken und bin beschämt.


Für den November wünsche ich mir Geduld. Dafür, Situationen auszuhalten, die ich nicht zu ändern vermag. Ich will nicht länger über Dinge klagen, die ausserhalb meines Einflusses liegen.


Diese Wünsche schicke ich in die graue Wolkendecke, bevor wir den kleinen Supermarkt betreten. Wir brauchen Putzmittel, Lappen und Schwämme. Den ganzen Tag haben wir Küche, Bad und unser neues Schlafzimmer ausgemistet, geputzt und gefegt. Als wir mit vollen Taschen die letzten Schritte bis zum Haus gehen, nimmt Patrick meine Hand. „Ich finde es schön, wie du das Chaos im neuen Zuhause einfach angenommen hast“, sagt er, als habe er meine Wünsche gehört.


Eins weiss ich: Der November wird mir gut tun.



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