Über Kompromisse

Aktualisiert: 20. Okt. 2020

Im Bus von Bilbao über Oviedo nach Santiago de Compostela fühle ich mich auf einmal nicht mehr frei. Nachdem wir uns an der hügeligen Nordküste Spaniens von der Grenze in Hendaye bis nach Bilbao die Oberschenkel trainierten und die Sonnenstrahlen aufsogen, zeigt uns der Wetterbericht von nun an nur noch Regen und zu kalte Temperaturen an, als dass wir Lust hätten, unter diesen Voraussetzungen weiter zu pedalen. Wir treten also die Flucht nach vorne an und nehmen den Bus in Richtung wärmere Gegenden. Warum fühle ich mich nun nicht mehr frei, obwohl uns alle Möglichkeiten der Reise offen standen und wir uns bewusst für diese Option entschieden haben?


Mit Fahrrad und Zelt kommen wir nur sehr langsam vorwärts, sind dem Wetter und dem Zustand der Strassen ausgeliefert, brauchen und gönnen uns nicht viel. Wir erleben die Landschaft und jedes noch so kleine Küstenörtchen, kämpfen uns Meter für Meter die Strassen hoch und geniessen die Abfahrten umso mehr.


Als wir nach Bilbao kamen, hatten wir zwar auch Augen für Gebäude und Kunstwerke, unsere Gedanken drehten sich aber vor allem um die Frage, wie wir unsere Reiseroute am besten dem Wetter und unseren Bedürfnissen anpassen.


Uns wird bewusst, dass die Freiheit, die Reise nach Lust und Laune zu gestalten, Pflichten stellt, die wir uns nicht mehr gewohnt sind: Wenn wir eine Einbahnstrasse von der falschen Seite erwischen (übrigens eine von Patricks Paradedisziplinen), ertönen sofort mahnende Hupkonzerte; schimpfende Fussgänger korrigieren uns schroff, wenn wir dann auf den Trottoirs den richtigen Weg suchen oder auf dem Fahrrad die schützende Nasen-Mund-Maske nicht tragen. Der Billetverkäufer am Schalter der Busgesellschaft scheint nicht die grösste Freude daran zu haben, Leute zu bedienen und wir müssen ihn motivieren, uns eine Verbindung nach Santiago zu suchen. Um die Fahrräder im Bus zu verstauen, müssen sie eingepackt werden, indem das Vorderrad abgenommen wird. Leider sind wir dazu nicht gut vorbereitet, zu wenig routiniert und die fordernde Art des Chauffeurs kommt uns dabei nicht gerade entgegen.


Nun sitzen wir also im Bus. Es wird wiederum eine Maske getragen, nicht gegessen und die Plätze werden nicht getauscht. Ohne Einfluss auf Routen, Tempo oder Zwischenstops sehen wir die Landschaft in ungewohnter Geschwindigkeit an uns vorbeiziehen. Auf welcher Strasse wir wohl mit dem Fahrrad unterwegs wären?


Von nun an wird es sich noch viel besser anfühlen, im Freien zu zelten, unseren eigenen Rhythmus zu gehen, die körperlichen Strapazen bei angenehmerem Wetter zu spüren. Die entspannten Leute und Vorschriften in Portugal werden uns dabei helfen.







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